Unerträgliche Erinnerungen

Eine Frau – die darauf besteht in dieser Geschichte die Alte genannt zu werden – steht am geöffneten Küchenfenster ihrer Wohnung. Sie raucht und beobachtet im Hinterhof eine junge Frau, die  gerade kopfüber in eine der Mülltonnen abtaucht. Die Alte betrachtet den gebeugten Rücken der Jungen und sieht sich selbst im Hinterhof vor einer dieser Tonnen stehen. Unzählige Male hatte sie Briefe und Fotos in eine Kiste gepackt, die sie mit grünem Gaffa-Band fest umwickelt hatte. So konnte sie ihre unerträglichen Erinnerungen, mit denen es sich genauso schlecht lebte wie ohne sie, immer wieder vollständig unversehrt vor dem Eintreffen der Müllabfuhr aus der Tonne mit dem Altpapier fischen.

Die junge Frau richtet sich auf. In der rechten Hand hält sie eine Greifzange. Die Alte erinnert sich, dass sie in ihrer Schulzeit mit genau so einem Ding den Müll ihrer Mitschüler vom Pausenhof hat aufsammeln müssen.

Die Junge steuert auf die nächste Mülltonne zu. Die Alte raucht und will nicht denken, was sie denkt: „Erinnerungen sind nicht ihr Problem.“  Die Junge fischt drei leere Flaschen aus der Tonne, stellt sie an die Seite. Die Alte glaubt zu wissen, dass es keine Pfandflaschen sind. Die Junge wühlt weiter im Müll.

Ich könnte ihr einen Umschlag mit einem Schein runterwerfen. Zehn Euro oder zwanzig!“, überlegt die Alte.

Ein Polizist mit einem riesigen in Papier verpackten Blumenstrauß überquert den Hinterhof. Die junge Frau bemerkt ihn nicht oder sie täuscht vor, es nicht zu tun. Der Polizist nimmt seinerseits keinerlei Notiz von der Jungen und verschwindet im Seitenflügel des Wohnhauses: „Ist auch kein Verbrechen im Müll zu wühlen“, denkt die Alte, drückt ihre Zigarette aus und zündet sich sofort eine Neue an. Die Junge fischt eine Handtasche aus der Mülltonne und öffnet sie. Es ist nichts drin. Kein vergessenes Portemonnaie. Keine einzige Münze. Nicht mal ein Spiegel und auch kein gebrauchter Lippenstift. Die Junge betrachtet die Tasche von allen Seiten, wirft sie zurück in die Tonne und steuert auf die dritte und letzte Mülltonne zu. Die Alte erschrickt.

Die junge Frau versenkt ihren Kopf in der blauen Tonne mit dem Altpapier und als sie sich wieder aufrichtet, hält sie ein mit grünem Gaffa-Band umwickeltes Päckchen in den Händen. Sie betrachtet es von allen Seiten.

Finger weg!“ ruft die Alte.

Die Junge schaut zu ihr hoch.

„Das gehört mir!“

Ist Müll!

Mein Müll!

Jetzt nicht mehr!“

Ich gebe ihnen Geld!“

Brauche ich nicht!“

Aber ….“

Die junge Frau verschwindet mit dem Päckchen. Die Flaschen ohne Pfand lässt sie stehen. Die Alte starrt in den verlassenen Hinterhof. Der Polizist kommt aus dem Seitenflügel. Den in Papier verpackten Blumenstrauß hat er nicht mehr bei sich. Er schaut zu ihr hoch: „Alles in Ordnung?“

Die Alte zögert und murmelt dann:

„Ja. Alles ist in Ordnung. Endlich. Alles in Ordnung!“

Frohe Weihnachten!“, wünscht der Polizist.

Die Alte lächelt und schließt das Fenster.

Es klinget an ihrer Tür.

 

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Kälte

Ich bin nicht sicher, ob sie für mich gestorben sein will oder ob ich für sie gestorben sein soll aber ich halte ein Ende in den Händen.  So etwas Ähnliches wie ein Wir wurde ohne Erklärung für tot erklärt. Es gab keinen Schlussstrich. Keinen Abschied.  Keine Trauerfeier. Kein Begräbnis.  Sie sieht, hört, fühlt und kennt mich nicht mehr. Ich verliere mich in verweigerten Blicken, abgelehnten Anrufen, unbeantworteten Nachrichten und ungelesenen Briefen. Ihr Schweigen ist so unerträglich laut, dass ich kein einziges Wort verstehen kann. Die entgegengebrachte Gleichgültigkeit schneidet in mein Sein und schrumpft mein Da. Dieser Tod – ungeklärter Ursache – geht einher mit einer Kaskade von Selbstvorwürfen. Ich sortiere sämtliche in ihrer Gegenwart vollzogenen Handlungen nach Form, Farbe, Datum und Größe. Alle erscheinen mir klein. Ich erinnere jeden Ton, den ich ihr gegenüber verlautbaren ließ. Alle klingen schief oder falsch oder beides. Wäre ich nicht gewesen, wie ich bin, alles würde noch so sein, wie es sein sollte. Das Kleid der Bedeutsamkeit wurde mir ausgezogen. Nicht das erste Mal. Es ist kalt. Trotzdem. Ich bin. Auch wenn ich friere. Ich bin.

Nicht gestorben.

Gedankenlosigkeit

Gedanken gefangen in Wiederholungschleifen. Sie treten auf der Stelle. Die Gedanken. Sie treten auf der Stelle und reproduzieren sich selbst. Meine Gedanken weigern sich, laufen gelassen zu werden. Stattdessen halten sie mich. Fest. Sie lassen mich festhalten  an einen Gedanken, der es mutmaßlich nicht mal verdient als solcher bezeichnet zu werden. Wie viel Lebenszeit wird verschwendet mit dem Denken an Namen, die Menschen gehören, für die die an sie Denkenden ohne Bedeutung sind? Die Bedeutsamkeit wird erträumt, erhoff, ersehnt, erdacht und bleibt aus. Ist ein Name ein Gedanke? Stundenlang? Tagelang? Nächtelang? Wochenlang? Monatelang? Nur ein Name? Nur ein Gedanke? Nichts läuft. Das ewige Denken an Menschen, die kaum deinen oder meinen Namen kennen, frisst dunkle Löcher ins Leben. Wir sind dann mal weg. Gefangen genommen von einem Namen, der vermutlich nicht mal ein Gedanke ist. Es fühlt sich an, als würde es nie aufhören aber manchmal geht es doch vorbei. Es folgen namenlose Zeiten. Die Gedanken könnten laufen gelassen werden aber der Freiheit stellt sich ein Warum in den Weg. Ein weiteres gesellt sich hinzu. Und noch eins. Und noch eins.  Ein Heer von Warum-Fragen formiert sich. Ein Heer von Warum-Fragen, auf die es keine Antworten gibt und an die ich mich dennoch halte, als könnte mein Festhalten die Finsternis aus dem Gestern nehmen. Ist die Frage nach einem Warum ein Gedanke? Jahrelang? Sind ausbleibende Antworten Gedankenlosigkeit? Lebenslang?

Wohin würden meine Gedanken mich führen, könnte ich sie laufen lassen?