Da fehlt Haut zwischen mir und der Welt.

Gestern ist ein Spielplatz mit einer zugemüllten Sandkiste und unbenutzbaren Spielgeräten, behängt mit Schildern, auf denen geschrieben steht: „Betreten auf eigene Gefahr. Keiner haftet für das, was Ihnen widerfahren ist. Ganz egal, was es war.“

Das Heute überfällt mich mit der Frage: „Was in deiner Geschichte würdest du ändern, wenn du es könntest?“  Es gibt weit und breit keine einzige Person, die sich dafür zuständig fühlt, die Frage von mir fernzuhalten. Ich versuche es selbst mit einem Schulterzucken. Die Frage grinst, pfeift und innerhalb von Sekunden bin ich umzingelt von noch mehr Fragen: „Was hast du getan, was du lieber hättest sein lassen sollen oder wollen? Welche Worte wünschst du, nie gesagt zu haben? Zu welchem Zeitpunkt deiner Geschichte hast Du versäumt, Verlorenes wiederzufinden und wie oft hast du dich aus welchen Gründen mit dieser Suche viel zu lange vergeblich aufgehalten? Wann hast du wem Unrecht getan?  Was hast du fortgesetzt, obwohl du es hättest beenden müssen und umgekehrt? Welches Ja von Dir hätte ein Nein sein müssen und dürfen? Wen hast du versäumt aufrichtig um Verzeihung zu bitten? Welche Entschuldigung würdest du gerne zurücknehmen?  Wie würde sich Dein heute gestalten, wenn du nur eine einzige Sache in Deinem Gestern verändern könntest?“

Die Fragen zwingen mich, alle Stationen meiner Geschichte rückwärts abzulaufen. Gedanklich kehre ich zurück an Orte, von denen ich glaubte, sie wären vergangen und vorbei. Es ist alles wieder da. Sie sind alle wieder da. Ich begegne Menschen, an die ich schon lange nicht mehr gedacht habe und anderen, bei denen mir das Vergessen nie gelungen ist. Unvergesslichkeit ist nicht allein dem Guten und Schönen vorbehalten. Es gibt schlimmere Gründe als Nostalgie für das nicht vergessen können eines Namens, eines Gesichts, eines Geruchs oder eines Blicks. Nicht alle unvergesslichen Geschöpfe haben Schelte oder Beschimpfung verdient aber gut hat mir keiner von ihnen getan, auch wenn ich (fast) immer vom Gegenteil überzeugt gewesen bin. Kann ich eine oder mehrere dieser Personen rückwirkend rausschneiden aus meiner Geschichte, so als wäre sie ein Film mit Kevin Spacey?

Ich höre ein Nein, das chorisch verstärkt wird aus einem Off, von dem ich nicht weiß, ob es der Himmel, die Hölle, mein Wahnsinn oder Gott ist: „Zurücknehmen, verändern oder ungeschehen machen kannst du nur etwas, dass du ganz allein zu verantworten hast!“ Es ist wie in diesem Leben, das von sich behauptet das Richtige zu sein, auch wenn ich immer wieder gute Gründe habe, es für das Falsche zu halten. Ich habe keinen Einfluss auf das, was andere lassen oder tun und dabei ist es ganz egal, was ich davon halte. Viele meiner Mitmenschen sind ohne mein Zutun auf der Bildfläche meiner Geschichte erschienen, bei ein paar wenigen habe ich nachgeholfen. Die meisten von ihnen konnten, wollten oder sollten nicht bleiben und manche sind gar nicht erst bei mir angekommen.

Gelegentlich stelle ich mir vor, dass sphärische Wesen in Ausbildung mein Leben von einem außerirdischen Standort aus fernsteuern. Ihr Talent ist zweifelhaft, auch wenn sie nichts Böses im Sinn haben, unterlaufen ihnen bei der Fernsteuerung meines Lebens laufend Fehler und es kommt zu 890 logistischen Pannen. Letztere führen dazu, dass ich für das Unsagbare Worte finde, die mir kaum ausgesprochen auf die Füße fallen wie Steine, über die ich mit meinem ganzen Sein stolpere. Die im Universum umherschwebenden sphärischen Wesen sind jedes Mal erschüttert, hatten sie doch nur das Beste im Sinn, als sie mich sagen ließen, was besser ungesagt geblieben wäre. Selbstverständlich ist die Fernsteuerung meines Lebens durch außerirdische Wesen nur eine Fantasie aber selbst, wenn ich daran glauben würde, heute würde ich es für mich behalten, früher hätte ich es offenbart.

Immer, immer wieder bin ich Menschen begegnet, die behaupteten, dass über alles, alles geredet werden könnte und müsste, damit alles gut oder besser werden würde. Eine im Schweigen verbrachte Kindheit ließen mich glauben, das sei zutreffend und in der Hoffnung auf Glück oder Erleichterung oder beides habe ich geredet. Nicht mit jedem über alles aber mit allen über vieles. Liebe. Zuneigung. Sex. Ohnmacht. Traumata. Träume. Ängste. Schwächen. Verwundungen. Schmerzen. Sehnsucht. Fantasien. Stundenlang. Tagelang. Nächtelang. Wochenlang. Monatelang. Jahrelang. Immer begleitet von einem Unwohlsein, das sich anfühlte, als steckte mein ich in einer Haut, die nirgends passte. Die Hoffnung kaschierte ihre immer offensichtlicher werdende Blässe mit zu viel Make-up und sie hat mich festgehalten an Orten mit Menschen, die so verloren waren, dass sie bereit gewesen sind, alle um sich rum alles verlieren zu lassen. Die Überheblichkeit tanzte mit Stöckelschuhen auf meinen offenbarten Schwachstellen rum. Der Hass gab vor zu reden, aber er schlug um sich, einige Male mit mehr als nur mit Worten. Der Verrat verbrüderte sich mit der Arroganz und ließ meine Angst auf eine demütigende Weise nackt aussehen. Die Missgunst nahm mich in den Schwitzkasten. Es endete immer mit einem Abschied. Entweder bin ich gegangen oder andere und ich musste begreifen, dass Freiheit nur im Doppelpack mit der Einsamkeit zu haben ist.

Könnte ich in meiner Geschichte also etwas ändern, ich würde weniger vertrauen und öfter mehr schweigen. Meine Schuldgefühle würde das vermutlich nicht mindern. Ich habe anderen wehgetan. Bei einigen waren meine Worte Notwehr, aber sie waren verschenkt, verschwendet. Bei ein paar wenigen tut es mir leid. Mein Schweigen hätte ihnen und mir ein paar Verwundungen erspart. Vor allem aber wären mir Schutzräume geblieben, in die ich mich unerkannt zurückziehen könnte. Jetzt fehlt Haut zwischen mir und der Welt.

Gelesen wird nur, wer geliebt wird und umgekehrt!

Schon mein ganzes Leben habe ich anschreiben lassen bei der Leere als wäre diese eine Bar. Da liegen Bierdeckel, auf denen unzählige Striche notiert sind. Ein Strich für jedes einzelne Wort, das ich nicht geschrieben habe und mindestens mir selbst schuldig geblieben bin. Ich will die Zeche in Raten abbezahlen. Die Leere winkt ab. Ich verspreche mich in Worten aufs Papier zu legen, so als wäre Scham nie eine Option gewesen. Die Leere seufzt: „Wer liest dich?“ Obgleich die Leere deutlich spricht verwischen die Worte lesen und lieben. Geliebt werden kann nur, wer gelesen wird und gelesen wird nur, wer geliebt wird! Niemand ist jemals ausgelesen. Du kannst keine einzige Person in allen Lebenslagen auswendig mitsprechen, so als wäre sie eine hinlänglich bekannte Geschichte und kannst du es doch, dann macht sie mindestens dir was vor.

Du, ich, wir alle schreiben uns immer wieder neu, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Wer macht sich die Mühe, mich immer wieder aufs Neue zu lesen? Wer entziffert mich, ohne seine eigene Geschichte in mich hineinzulesen? Wen lese ich immer wieder neu? In jedem Satz, bei jeder Begegnung, in allen Momenten? Wer geht das Risiko ein, laufend neu gelesen zu werden? Ich kann diesen Fragen keinen einzigen Namen entgegenhalten. Ist mir eine Person bekannt, die andere immer wieder neu liest? Kenne ich jemanden, dem das Glück vergönnt ist und der das Schlicksal erträgt, immer wieder neu gelesen zu werden? Vermutlich gehört die Einsamkeit niemandem ganz allein, aber wer würde sich das eingestehen. Uns geht es gut, wir halten uns an die Spielregeln. Alles bestens! Wir blättern ineinander als seien wir Bücher, in denen jedes Wort schwarz auf weiß geschrieben steht und wir wissen, dass wir keine Ahnung haben, aber wir geben vor Tatsachen zu sein und wir erwarten, dass alle anderen Fakten sind. Wir haben alles und alle fest im Griff.  Die Dinge sind, wie sie sein sollen.

Wiederbegegnungen beginnen oft mit der immer falschen Behauptung, dass der andere sich gar nicht verändert hätte. Die Leute wollen glauben, das sei ein Kompliment und sie erwidern lächelnd: „Du auch nicht!“  Es ist fast unmöglich, sich gegenseitiges Desinteresse nachdrücklicher zu versichern. Uns geht es gut, alles bestens! Die Dinge sind, wie sie sein sollen. Gelesen wird nur, wer geliebt wird und umgekehrt. Wir blättern ineinander als seien wir Bücher, die wir vorgeben in- und auswendig zu kennen aber wir haben einander nie gelesen.

In jungen Jahren bleiben wir gelegentlich bei einem Wort, einem Satz, an einer Stelle hängen und fast versehentlich lesen wir eine andere Person. Einmal. Zweimal. Dreimal. Wir lesen jedes Mal eine andere Geschichte. Das kann ebenso ergreifend wie beängstigend sein. In jedem Fall steht es im Widerspruch zu allen Gewissheiten und wir wissen nicht, ob wir das Risiko eingehen können die andere Person weiterhin immer wieder neu zu lesen. Wir wollen glauben einander zu kennen aber wir geben es auf uns gegenseitig immer wieder neu zu erkennen, weil wir uns einbilden, dass das Leben erträglicher wäre, wenn das Du eine Tatsache ist und das Ich ein Fakt bleibt.

In meinem Umfeld gibt es Menschen, die besuchen regelmäßig meinen Blog. Das ist ersichtlich und ich bemerke, wie sie mich aufgrund von ihren – mehr oder weniger geheim gehaltenen – Stelldicheins mit meinen literarischen ichs pathologisieren und problematisieren. Sie werfen mir Widersprüchlichkeit vor und erklären mir, wer ich sei. Sie glauben, Bescheid zu wissen, aber sie lesen mich nicht und sie haben es nie getan.

Vielleicht wird keiner mich jemals lesen. Ich aber werde der Gleichgültigkeit solange beschriebene Seiten voller Widersprüche entgegenschleudern, bis sie das Gleichgewicht verliert, stolpert, sich langlegt und mit dem Gesicht in allen meinen Wörtern landet. Ich zahle meine Zeche und gebe –  wenigstens  mir selbst –  jedes schuldig gebliebene Wort zurück.

Umschreiben werde ich alle Leute, die mich aufgrund einer oberflächlichen Begegnung mit einem meiner literarischen ichs glauben beurteilen zu können, ohne sich auch nur im Ansatz die Mühe gemacht zu haben mich wirklich zu entziffern. Überschreiben werde ich die Angst so lange bis sie aufhört immer weiter nur im Kreis zu laufen. Schreibend gehe ich mit ihr dahin, wo sie nie war, um sie dann endgültig abzuschreiben. Einschreiben werde ich mich in der Anonymität, so als sei sie eine Universität, in der ich mir begegne wie einer Fremden, die ich sehr genau lesen werde. Immer wieder aufs Neue und wenn ich die einzige sein und bleiben werde, die mich jemals gelesen haben wird, so werde ich doch geliebt worden sein.

Stimmen ätzen sich in Hirne und Herzen

Der Rauch meiner Zigarette steht in einer Luft, die sich anfühlt, als hätte die Welt angesichts all ihrer Grausamkeiten das Atmen aufgegeben. Stimmen ätzen sich in mein Hirn. Geräusche, wie aus einem Radio, das auf mehreren Frequenzen gleichzeitig sendet und sich nie wieder abschalten lassen wird. Die Stimmen haben Gesichter und die gehören Menschen, die überzeugt davon sind mehr Recht auf alles zu haben. Allein den vorzeitigen Tod durch Ertrinken, durch Waffengewalt, durch Bomben, durch Krieg, durch Ignoranz gestehen sie denen zu, denen sie sonst nichts zugestehen, nicht mal das Leid.

In dieser Welt mit dem angehaltenen Atem hat Gegenwind kaum eine Wirkung, er wirbelt das Gesagte durcheinander, der Inhalt wird kruder aber nicht besser. Menschen mit Arbeit, Einkommen, Wohnungen, gut bestückten Bücherregalen, Kindern, Zeitungsabos und Nachrichten-Apps auf ihrem iPhone fordern,  sagen zu dürfen, was ich hoffte, dass sie nicht mal denken würden. Nicht mal heimlich. Nicht mal in ihren aller dunkelsten Stunden. Immer würde gleich die Rassismus-Keule geschwungen, dabei würde man fremde Kulturen als Bereicherung empfinden,  aber die Wahrheit wäre nun mal auch wahr. Ich erspare diesem Text die Wiederholung all dieser Klischees, die ohnehin allerorten kundgetan werden und in sämtlichen Kommentarspalten des Internets nachzulesen sind. Die Stimmen zitieren sich pausenlos selbst, ätzen sich in Hirne und Herzen.  Ich will gehen. Ich bleibe. Oder kann ich nicht weg? Ich widerspreche. Die Stimmen werden lauter, klagender, dümmer und schließlich kommen die Mehr-Recht-auf-alles-Menschen beim Gefühl an. Enttäuscht wird, wer hier auf ein Erwachen des Mitgefühls hofft.  Das schläft tief und fest oder ist lange tot. Verstand lässt sich auch nirgends blicken. Die Gefühle der Mehr-Recht-auf-alles-Menschen sind das einzige, was zählt, weil sie es sich wert sind. Menschen mit Einkommen, Wohnungen,  Kindern, gut bestückten Bücherregalen, Zeitungsabos und Nachrichten-Apps auf ihrem iphone fühlen in sich hinein und spüren nach, was mein Widersprechen mit ihnen macht.

Unaufgefordert teilen sie das Ergebnis dieser Nabelschau mit: Da wäre ein großes Staunen, ja ein „sich erschlagen fühlen“ von meinem Hass. Ich werde degradiert zur Bestaunens werten Zirkusnummer mit erschlagender Wirkung. Ich hätte gehen können. Entkommen wäre ich nicht. Die Stimmen sind überall, sie ätzen sich in Herz und Hirn. Das Radio der Menschenverachtung sendet auf mehreren Frequenzen und es lässt sich nicht abschalten.

Der Rauch meiner Zigarette steht in einer Luft, die sich anfühlt, als hätte die Welt angesichts all ihrer Grausamkeiten das Atmen aufgegeben. Stimmen ätzen.