Vom Verschwinden …

Das Verschwinden schluckt Dinge, ohne sie zu kauen. Gefräßig verschlingt es Menschen. Nie spuckt es etwas oder jemanden wieder aus. Es wechselt Größe, Form, Farbe und hat seine großen Auftritte in Gestalt einer Monsterdiva. Das Verschwinden beherrscht aber auch die leisen Töne und agiert unsichtbar im Schweigen, ohne dass ich oder jemand anderes seiner gewahr werden würde. Erst Tage, Wochen, Monate, manchmal Jahre später werden die Leerstellen in Herzen, Köpfen und Leben bemerkt. Das schmerzt nicht immer. Das Verschwinden von Silberfischen aus meinem Badezimmer würde mich heute vermutlich erleichtern. Genau kann ich das nicht beurteilen, da Altbauten offenbar nicht zum bevorzugte Lebensraum dieser Tierchen gehören. Begegnet sind sie mir nur in den Neubauten, in denen ich meine Kindheit verbracht habe und die ich seit dem Ende derselbigen zu bewohnen meide. Jedenfalls vermisse ich diese Tierchen nicht. Ich sehne sie nicht herbei und ich stelle mir nie vor, wie es wäre, würden sie noch zu meinem Leben gehören. Das gilt auch für meine Kindheit. Sie ist ohne Bedauern vorbeigegangen aber sie ist vom Verschwinden nicht verschlungen worden, ebenso wenig wie die Silberfischchen oder die Kindheitsmonster, von denen ich fürchtete gefressen zu werden, während sie an mir nagten. Das Verschwinden hat sich nie das genommen, was ich ihm hätte geben wollen. Gierig hat es gegriffen nach Dingen, und Menschen, an denen ich festgehalten habe oder glaubte festhalten zu müssen. Es hat alles geschluckt und gefressen.  Reflexartig habe ich dagegen angekämpft. Sogar wenn das Verschwundene zuvor eine ähnliche Bedeutung hatte wie die Silberfische im Badezimmer meiner  Kindheit. Ich  wollte alles zurück, weil es mir genommen wurde, bevor ich auf die Idee gekommen war, es hergeben zu wollen oder zu können. Sofern ich das Verschwinden zu fassen bekommen konnte, habe ich versucht ihm das gefräßige Maul zu öffnen, um das Verlorene zurückzuholen. Oft bin ich dabei gebissen worden und immer ins Herz. Das Verschwinden hat behalten, was es sich geholt hatte. Es hat sich immer viel aber nie alles genommen, auch wenn es sich oft so angefühlt hat. Geblieben sind Geschichten, die erzählt werden wollen, bevor sie gefressen werden …

 

Nichts geht mehr, aber ich. Ich gehe…

Nichts geht mehr, aber ich. Ich gehe. Ich gehe zu weit und noch viel weiter. Niemand hält mich an. Nichts hält mich auf. Die Erschöpfung hastet mir hinterher oder eilt mir voraus. Sie ist eine alte aber keine gute Bekannte. Ich habe nie wissen wollen, was ich mit ihr anfangen soll. Alles, was ich immer wusste war, dass ich in Begleitung der Erschöpfung nicht gesehen werden wollte, nicht mal von mir selbst. Ich habe sie immer übersehen. Sie ist immer geblieben. Trotzdem bin ich weiter zu weit und noch viel weiter gegangen, all die Jahre. Und ich gehe immer noch. Zu weit.

Die Erschöpfung hat sich Verstärkung geholt. Im Vorbeigehen lese ich in grellen Farben an Häuserwände gesprüht: „ES WIRD NIE REICHEN. EGAL, WIE WEIT DU GEHST!“  Es steht an jeder Wand. Ich gehe weiter. Trotz der Textgraffitis und gerade ihretwegen. Nicht aufgeben. Es muss reichen. Irgendwann muss ich reichen und dafür gehe ich zu weit und noch viel weiter. Fratzenhafte Wesen springen aus dunklen Straßenecken. Sie sprechen lautlos und ich kann es von ihren Lippen lesen: „ES WIRD NIE REICHEN! NIE! NIE! NIE!“  Andere Gestalten haben sich am Wegesrand niedergelassen und flüstern im Chor: „DU KANNST SO WEIT GEHEN, WIE DU WILLST UND NOCH VIEL WEITER, DU WIRST NIE WEIT GENUG GEGANGEN SEIN!“

Und ich? Ich gehe weiter und  gerade als ich mal wieder weiter als viel zu weit und noch ein bisschen weiter gegangen bin, kriegt die Erschöpfung einen Hustenanfall. Sie krümmt sich, krallt sich fest an meinem Arm. Ich versuche, sie abzuschütteln. Sie zerrt an mir, zwingt mich in die Knie und zu Boden. Ich schaue ihr ins Gesicht. Bisher habe ich nicht mal gewusst, dass sie eins hat.

Nichts geht mehr. Ich auch nicht.

Gedankensplitter: Noch nicht ganz vorbei…

Wir gehen getrennte Wege, in verschiedenen Leben, die sich anfühlen sollen als würden sie in zwei Welten stattfinden. In deinen Worten hat mein Name keinen Ort und umgekehrt. Ich bin nicht. In deiner Welt. Du bist nicht. In meiner Welt. Aber es ist immer mal wieder zu wenig Welt und sie ist so oft so viel kleiner als angenommen. Wir wussten beide das Wiedersehen ohne Freude würde kommen eines Tages, wenn wir am wenigsten damit rechneten an einer Kreuzung, von der wir hätten wissen können und von der wir trotzdem nicht wussten, weil wir es nicht wollten. Wir stehen einander gegenüber an zwei gegenüberliegenden Straßenseiten. Entgegengesetzte Richtungen minimieren das Risiko einer Berührung, die mindestens eine von uns nicht aushalten würde. Noch sind wir nicht vorbei. Die Kreuzung muss überquert werden. Wir bewegen uns aufeinander zu als wären wir das jeweilige Spiegelbild der anderen. Ich suche nach Worten die, die richtigen sein könnten in der Mitte einer viel befahrenen Straße, an der die Ampel gleich umschalten wird. Du schenkst mir ein Nicken. Unsere Blicke treffen sich, als wir einander nachschauen, während unsere Wege in verschiedenen Richtungen führen. Keine hat gesprochen aber es wurde alles gesagt. Die Welt ist klein und voller Kreuzungen, von denen wir heute schon wissen müssten aber nicht können.

Wir sind noch nicht vorbei und werden es nie ganz sein.

Nicht in meiner Welt.