Du konntest mir nicht mehr fehlen, weil du es schon getan hattest

Du warst kein Silberfisch. Ich wollte nicht, dass Du verschwindest, aber du warst weg, lange bevor es zum Bruch gekommen ist.

In deinem Leben hatte dieser Typ Platz genommen. Du wollte nie mehr ohne ihn sein und warst fortan immer auf dem Sprung. Die Telefonate mit dir wurden kürzer und blieben schließlich ganz aus. Du warst glücklich. Ich habe dich vermisst und weil das kaum auszuhalten war, hab ich dich zu der Fremden werden lassen, die ich für dich vielleicht immer gewesen bin. Wir hatten uns monatelang nicht gesehen. Nur einmal. Aber das zählt nicht. Wir waren zu dritt. Du. Der Typ. Ich. Es war Hochsommer. Wir haben in einer Kneipe gesessen. Draußen. Der Typ hat irgendwas über die Krause in meinen Haaren gesagt. Er war nett, aber ich wusste trotzdem nicht, was ich von ihm halten wollte. Meine Erinnerung verrät mir nicht, warum wir da zu dritt gesessen haben und ich weiß auch nicht mehr, ob ich dich an diesem Abend noch vermisst habe oder ob du schon eine Fremde warst.

Monate später kreuzten sich unsere Wege in einer dieser Shopping-Malls. Du warst in Eile. Er wartete irgendwo auf dich, aber für einen Cappuccino reichte deine Zeit.  Du hast mich eingeladen, auch wenn ich am Ende bezahlt habe. Da saßen wir an dieser überteuerten Café-Bar nebeneinander. Die Koketterie deiner Frage traf mich wie eine Ohrfeige. Die Grausamkeit meiner Antwort hat mich selbst überrascht. Tränen sind Dir die Wangen runter gelaufen. Ich habe mich wie ein Arschloch gefühlt, obwohl Du dich wie eins benommen hattest.

Diese Freundschaft ist so lange her, dass die Spuren deines Verschwindens alle längst verwischt sind. Vergessen habe ich dich trotzdem nicht, auch wenn ich nicht erklären könnte, was ich damit meine. Mit dir war ich nah dran an etwas für das ich keine Worte und keine Beweise habe.  Wir hatten die Art von Freundschaft, an die ich nie geglaubt habe, aber die ich mir immer gewünscht hatte. Der Typ, den du vielleicht geheiratet hast, hat sie verschluckt, ohne es zu merken.

Der Verlust war schmerzhaft aber er war keine Überraschung. Wir kamen aus verschiedenen Welten, und ohne, dass ich es hätte benennen können, muss mir immer klar gewesen sein, dass es für mich mit dir kein Morgen gab. Zum Schluss habe ich dir genau das zum Vorwurf gemacht. Trotzdem habe ich deinen Geburtstag bis heute nicht vergessen, auch wenn ich dir nie mehr dazu gratuliert habe. Nicht mal, als ich noch wusste, wo du lebst und wie du heißt.

Das Gedenken an dich überfällt mich unvorbereitet, so als würden zwischen Buchseiten vergessene Fotos aus den Büchern fallen und vor meine Füße flattern. Ich hebe sie auf und sehe deine Augen mit dem wachen Blick in diesem schönen Gesicht. Ich sehe uns beide in riesigen weißen Bademänteln in der Sauna, zu deren Besuch du mich überredet hast und in die ich ohne dich nie gegangen wäre. Ich sehe dich rauchend, in einem dieser Cafes, in denen wir vor, nach oder während irgendwelcher Seminare oder Vorlesungen rum gehangen haben, um Träume, Traumata, Zigaretten und Sehnsüchte miteinander zu teilen. Ich erinnere mich an die Gedanken, die Empfindlichkeiten und die Zweifel, die wir einander gezeigt haben. Die Verschiedenartigkeit unserer Erfahrungen hat uns immer wieder überrascht und zugleich verbunden. Geblieben sind Wortbruchstücke, die mit übereinandergeschlagenen Beinen in meiner Erinnerung rumsitzen, um mir ebenso zu schmeicheln wie mich zu beschämen.

Und dann war da noch dieses Markenkuscheltier, das dich seit Deinem ersten Lebensjahr begleitet hat und das vermutlich mehr gekostet hat als alles Spielzeug, das ich als Kind jemals besessen habe. Du hast es mir in die Arme gedrückt in deiner Wohnung am Ende eines Besuches, als ich nicht bei dir schlafen wollte, trotz oder gerade wegen der in mir klaffenden Wunde, die ich dir gezeigt hatte. Da stand ich mit diesem Kuscheltier im Arm, ohne zu wissen, ob es ein Geschenk oder eine Leihgabe war. Es schien mir unangebracht danach zu fragen. Ohnehin hat sich weder das eine noch das andere gut angefühlt. Trotzdem habe ich das Kuscheltier mit zu mir genommen. Ich habe es in einer Kiste vergraben  und ich weiß bis heute nicht, ob ich es vor mir oder ob ich mich vor ihm versteckt habe.

Kurz bevor ich die Stadt verlassen habe, klingelte es an der Tür. In der Gegensprechanlage hörte ich dich deinen Namen sagen. Einen kurzen Moment lang habe ich mir erlaubt zu hoffen, dass alles doch ganz anders wäre. Wir waren Freundinnen. Gute Freundinnen.  Ganz egal wohin wir mit wem gehen würden, Nichts und niemand sollte dieser Freundschaft etwas anhaben können. Kein Typ. Keine andere Stadt. Keine Koketterie. Keine dumme Antwort, die ausgesprochen so grausam geklungen hatte, wie das Vermissen sich anfühlte und die dich die Tränen hatte weinen lassen, die ich nicht weinen konnte, weil ich sonst nie mehr damit aufgehört hätte. Du warst die Freundin, die ich mir immer gewünscht habe und an die ich nie geglaubt hatte.

Ich stand in der geöffneten Tür meiner Wohnung neben meiner Hoffnung und hörte Dich sagen: „Ich habe gehört du ziehst weg und ich wollte mein Kuscheltier abholen.“

Du konntest mir nicht mehr fehlen, weil du es schon getan hattest.

Vom Verschwinden …

Das Verschwinden schluckt Dinge, ohne sie zu kauen. Gefräßig verschlingt es Menschen. Nie spuckt es etwas oder jemanden wieder aus. Es wechselt Größe, Form, Farbe und hat seine großen Auftritte in Gestalt einer Monsterdiva. Das Verschwinden beherrscht aber auch die leisen Töne und agiert unsichtbar im Schweigen, ohne dass ich oder jemand anderes seiner gewahr werden würde. Erst Tage, Wochen, Monate, manchmal Jahre später werden die Leerstellen in Herzen, Köpfen und Leben bemerkt. Das schmerzt nicht immer. Das Verschwinden von Silberfischen aus meinem Badezimmer würde mich heute vermutlich erleichtern. Genau kann ich das nicht beurteilen, da Altbauten offenbar nicht zum bevorzugte Lebensraum dieser Tierchen gehören. Begegnet sind sie mir nur in den Neubauten, in denen ich meine Kindheit verbracht habe und die ich seit dem Ende derselbigen zu bewohnen meide. Jedenfalls vermisse ich diese Tierchen nicht. Ich sehne sie nicht herbei und ich stelle mir nie vor, wie es wäre, würden sie noch zu meinem Leben gehören. Das gilt auch für meine Kindheit. Sie ist ohne Bedauern vorbeigegangen aber sie ist vom Verschwinden nicht verschlungen worden, ebenso wenig wie die Silberfischchen oder die Kindheitsmonster, von denen ich fürchtete gefressen zu werden, während sie an mir nagten. Das Verschwinden hat sich nie das genommen, was ich ihm hätte geben wollen. Gierig hat es gegriffen nach Dingen, und Menschen, an denen ich festgehalten habe oder glaubte festhalten zu müssen. Es hat alles geschluckt und gefressen.  Reflexartig habe ich dagegen angekämpft. Sogar wenn das Verschwundene zuvor eine ähnliche Bedeutung hatte wie die Silberfische im Badezimmer meiner  Kindheit. Ich  wollte alles zurück, weil es mir genommen wurde, bevor ich auf die Idee gekommen war, es hergeben zu wollen oder zu können. Sofern ich das Verschwinden zu fassen bekommen konnte, habe ich versucht ihm das gefräßige Maul zu öffnen, um das Verlorene zurückzuholen. Oft bin ich dabei gebissen worden und immer ins Herz. Das Verschwinden hat behalten, was es sich geholt hatte. Es hat sich immer viel aber nie alles genommen, auch wenn es sich oft so angefühlt hat. Geblieben sind Geschichten, die erzählt werden wollen, bevor sie gefressen werden …

 

Nichts geht mehr, aber ich. Ich gehe…

Nichts geht mehr, aber ich. Ich gehe. Ich gehe zu weit und noch viel weiter. Niemand hält mich an. Nichts hält mich auf. Die Erschöpfung hastet mir hinterher oder eilt mir voraus. Sie ist eine alte aber keine gute Bekannte. Ich habe nie wissen wollen, was ich mit ihr anfangen soll. Alles, was ich immer wusste war, dass ich in Begleitung der Erschöpfung nicht gesehen werden wollte, nicht mal von mir selbst. Ich habe sie immer übersehen. Sie ist immer geblieben. Trotzdem bin ich weiter zu weit und noch viel weiter gegangen, all die Jahre. Und ich gehe immer noch. Zu weit.

Die Erschöpfung hat sich Verstärkung geholt. Im Vorbeigehen lese ich in grellen Farben an Häuserwände gesprüht: „ES WIRD NIE REICHEN. EGAL, WIE WEIT DU GEHST!“  Es steht an jeder Wand. Ich gehe weiter. Trotz der Textgraffitis und gerade ihretwegen. Nicht aufgeben. Es muss reichen. Irgendwann muss ich reichen und dafür gehe ich zu weit und noch viel weiter. Fratzenhafte Wesen springen aus dunklen Straßenecken. Sie sprechen lautlos und ich kann es von ihren Lippen lesen: „ES WIRD NIE REICHEN! NIE! NIE! NIE!“  Andere Gestalten haben sich am Wegesrand niedergelassen und flüstern im Chor: „DU KANNST SO WEIT GEHEN, WIE DU WILLST UND NOCH VIEL WEITER, DU WIRST NIE WEIT GENUG GEGANGEN SEIN!“

Und ich? Ich gehe weiter und  gerade als ich mal wieder weiter als viel zu weit und noch ein bisschen weiter gegangen bin, kriegt die Erschöpfung einen Hustenanfall. Sie krümmt sich, krallt sich fest an meinem Arm. Ich versuche, sie abzuschütteln. Sie zerrt an mir, zwingt mich in die Knie und zu Boden. Ich schaue ihr ins Gesicht. Bisher habe ich nicht mal gewusst, dass sie eins hat.

Nichts geht mehr. Ich auch nicht.