Glücksvorschriftenversagerin

Geborgenheit ist für mich ein lichtdurchfluteter Schutzraum mit einer Prise Poesie frei von Zerstörung. Vielleicht gibt es nichts, was Liebe zutreffender beschreiben kann als diese Abwesenheit von Vernichtungsabsichten. Keiner zerbricht. Niemand wird gebrochen. Nicht mal aus Versehen. Dieses Gefühl ist nicht zu finden nachts in Clubs zwischen Stroboskoplichtern, Elektrobeats und Blicken, die ein Morgen versprechen aber die nie mehr sein können, als ein Medikament, das den Daseinsschmerz betäubt. Die Wirkung lässt nach im Morgengrauen und schon am Mittag des folgenden Tages ist alles wieder so, wie es immer war. Die Geborgenheit stand nicht am Rand der Tanzfläche und sie hat an keinem Tresen gesessen, auch wenn ich überzeugt davon war ihr begegnet zu sein. Ich habe mich betrogen. Jedes Mal. Das innere Frösteln wurde gelindert durch eine Hoffnung, der ich unterstelle nichts weiter gewesen zu sein als Gehorsam. Glücksvorschriftengehorsam.

Die Glücks-Schablone war mir früh in Kopf, Herz und Hand gedrückt worden. Ich habe sie wieder und wieder auf mein Leben gelegt, fest entschlossen alles akkurat nachzuzeichnen. Es ist mir nicht gelungen. Die Schablone ist dauernd verrutscht und ich malte ständig über alle Ränder.

Besonders gescheitert bin ich an dieser Zweisamkeits-Glücksvorschrift. Ich musste eine Person finden, von der zumindest anzunehmen war, dass sie vorhatte mich auf Pärchenabende und durchs Leben zu begleiten. Ich konnte mich auch von ihr finden lassen. Ganz egal. Hauptsache da war am Ende jemand, den oder die ich in irgendeinem Gespräch aus Versehen oder mit Absicht „meine bessere Hälfte“ nennen konnte. Allein blieb ich für andere unvollständig und das Gegenteil von besser. Die längerfristige Nicht-Existenz von Zweisamkeit oder ihr Scheitern führte zu Irritationen, so als hätte ich mich ständig überall schlecht benommen. Kolleg*innen und Freund*innen, die ich heute Bekannte nenne, begegneten mir mit Mitleid, das begleitet wurde von einer Überheblichkeit, die mir ins Gesicht spuckte, ohne dass es jemand sah. Insgeheim hatte ich den Verdacht, dass mein Scheitern ihre Arznei gegen den Daseinsschmerz war, den die Zweisamkeit auf Dauer doch nicht hatte lindern können. Innen drin ist keiner zu zweit. Nichtsdestotrotz wurde ich ungebeten mit Ratschlägen versorgt: „Online-Dating wäre genau das Richtige für dich. Du musst dich weiblicher anziehen. Ein dezentes Make-up kann so viel ausmachen. Ein Friseurbesuch würde dir auch nicht schaden. Das wird schon alles. Mach doch mal Speed-Dating oder eine Therapie! “

Ich war immer froh, erzählen zu können, dass ich (wieder) verliebt sei und ein paar Mal habe ich mich selbst zu diesem Gefühl überredet. Es war trotzdem manchmal schön. Eine Zeit lang. Zerbrechen ist immer dabei gewesen. Wahrscheinlich war es nie Liebe.

Umgeben von zu viel Familie mit einer Menge Drama und noch mehr Tragödie wuchs ich auf in einer Wohnung ohne Platz.  Ich suchte einen Raum, in dem sich sein konnte. Das wurde mir schon damals übel genommen und provoziert bei anderen bis heute Herablassung. Die Gesellschaft von Leuten hat der Einsamkeit nichts entgegenzusetzen. Das kann nur die Geborgenheit. Sie ist ein lichtdurchfluteter Schutzraum mit einer Prise Poesie frei von Zerstörung.

Vielleicht gibt es nichts, was Liebe zutreffender beschreiben kann.

Seinsbeschwerer

Es sitzt in meinem Kopf auf einem Thron, von dem aus es mein Sein regiert wie ein Diktator mit einem gekauften Doktortitel. Seine Fragen sind Peitschenhiebe, mit denen es mich durch die Tage jagt.
Wie kommst du dazu, für Dich einzustehen? Warum behauptest du eine Wahrheit, von der du weißt, dass sie für andere nicht zu ertragen ist? Wer gibt dir das Recht, dich schlecht behandelt oder verraten zu fühlen? Warum redest du darüber? Wann wirst du endlich aufhören, anfangen oder weitermachen? Warum denkst du schon wieder über dein Aussehen nach? Wieso bist du nicht so schön wie andere? Willst du nicht mal Make-up auflegen ? Musst du so pathetisch sein? Heulst du schon wieder? Weißt du eigentlich, wie schlecht dein Englisch ist? Warum vertraust du allen immer gleich? War diese Klugscheißerei jetzt nötig? Warum redest du immer so viel? Kannst du nicht mal die Klappe halten? Was verstehst du schon von Politik? Glaubst du ernsthaft, dass deine Meinung irgendwen weiterbringt? Hast du nichts zu erzählen oder warum sagst du nichts? Wieso bist du so unfreundlich? Warum hast du keine Kinder?  Musst du soviel Geld ausgeben? Was lachst du so albern? Wieso kriegst du es nicht auf die Reihe, Menschen dauerhaft an dich zu binden? Musst du immer so misstrauisch sein? Wieso isst du jetzt schon wieder was? Warum rauchst du so viel? Hast du zugenommen? Wieso machst du schon Feierabend? Warum fühlst du dich jetzt wieder angegriffen? Wer hat dir erlaubt glücklich zu sein? Kannst du nicht einmal Rücksicht nehmen? Warum liest du jetzt dieses Buch, gibt es nichts Wichtigeres zu tun? Hast du dich heute schon entschuldigt?                                       

Dieser Vorwurfsfragenkatalog ließe sich fortsetzen und vertiefen. Es gibt Schuldfragen, die niedergeschrieben die Finsternis meines Seins und die Abgründe meines Charakters offenbaren würden. Sie beziehen sich auf alles, was ein Leben ausmachen kann: Familienmonstren. Freundschaftsdinger. Liebesgetüme. Daseinskummer. Freizeitgetreibe. Lebenshunger. Sinnbeschwerer. Körperhäuser. Arbeits-Irgendwas. Und Mehr.

Das Wesen auf dem Thron in meinem Kopf setzt über die Mehrzahl der Kapitel meiner Geschichte Überschriften, die mir Fehlverhalten bescheinigen. Gelungenen Momente, sind davon nicht ausgenommen. Glück ist Grund genug sich bei allen zu entschuldigen, denen Fortuna nicht so zugetan war und auch ein durch Leistung erzielter Erfolg lässt sich madig machen.

Dieser Tage zwingt die überall herumliegende Zeit meinen Blick an diesen Ort in meinem Kopf zu diesem Wesen, das ich sonst vermeide anzuschauen. Im Alltagsleben bin ich damit beschäftigt mich bei allen für alles zu entschuldigen, um anschließend sehr wütend auf die ganze Welt zu sein.. Der Alltag fällt gerade aus und ich schaue da hin, wo ich sonst nur hinhöre. Das Wesen mit Diktator-Attitüde auf dem Thron in meinem Kopf lässt sich auch in Krisenzeiten nicht davon abhalten mit Vorwurfsfragen um sich zu werfen. Es hat die Gestalt eines Yetis. Während die  Anschuldigungen aus ihm rausfallen, verändern sich seine Gesichtszüge  und das Wesen auf dem Thron in meinem Kopf präsentiert mir im Wechsel Gesichter von Menschen, die ich einst kannte.

Es ist, als würde ich rückwärts durch meine Geschichte laufen und alle Verwandten, Lehrer, Freunde, Feinde, Nachbarn und andere Schicksalsgestalten hätten sich hintereinander aufgereiht. Die meisten von ihnen gehören nicht mehr in mein Leben. Hat einer von ihnen dem Wesen die Tür zu meinem Kopf und meinem Sein geöffnet oder bin ich das selbst gewesen? Ich schaffe es nicht zurückzugehen bis zum Anfang der Geschichte. Es ist wichtiger, das Wesen mit dem Gebaren eines Diktators mit gekauftem Doktortitel vom Thron zu stoßen und ihm die Tür zu weisen.

Dr. Schuld möchte bitte aus meinem Kopf abgeholt werden.

Liebesdings

Vor einer Ewigkeit hat mir ein Typ in einer Bar neben einem Billardtisch seine Zunge ins Gesicht gedrückt. Ich wusste nicht, wer ich war also habe ich ihm keine gescheuert, sondern bin seine Freundin geworden. Eine von vielen Rollen, in denen ich lebte, als könnten sie mir die Heimat sein, die ich in mir drin nicht zu finden vermochte. Ich war Jahre unterwegs, ohne mich von der Stelle zu bewegen.

Die Liebe an sich stand nie zur Disposition. Ungeliebt war ich mir selbst verdächtig. Was war los mit mir? Ich hatte die Berechtigung meines Daseins unter Beweis zu stellen. Dieses Liebesdings musste ich unbedingt auf die Reihe bringen.

Andere ließen mich wissen, dass ich allein nie genug sein würde. Mir selbst habe ich auch nicht gereicht. Die Liebe ist für alle Grund genug für alles. Ich habe das nie hinterfragt. Vom Wesen der Liebe wird behauptet, sie sei moralisch einwandfrei und etwas Heiliges, das in allen und allem am Ende das Beste zum Vorschein bringt. Wie kommen wir darauf? Ich habe die Liebe getroffen und ich bin von ihr getroffen worden. Ja! Sie schießt. Inwiefern ist das moralisch einwandfrei?

Würde mich jemand aus dem Hinterhalt mit Pfeil und Bogen abschießen, ich würde versuchen, die Person ausfindig zu machen und dafür sorgen, dass sie den Blödsinn in Zukunft unterlässt. Der Liebe habe ich ihr Inkognito-Dasein immer genauso zugestanden wie ihre Aggression. Ich habe mir alles schön geredet. Nie bin ich ohne Schmerzen davon gekommen. Es hat jedes Mal weh getan.

Der Typ von damals aus der Bar, dessen Freundin ich war,  ließ mich immer wieder wissen, dass er nicht lieben könne. Ich fühlte mich beauftragt das zu ändern. Es gelang mir nicht. Es hat drei Jahre gedauert bis mir einfiel, dass ich mehr sein könnte als nur die Freundin von diesem Typen aus der Bar. In dem Moment, als er meine Liebe zu verlieren fürchtete, war er sich seiner Liebesunfähigkeit nicht mehr so sicher. Er flehte mich an, nicht zu gehen. Ich hielt mein Bleiben für Liebe und habe ihn dafür gehasst. Ein Jahr später hat er es kapiert.

Ich habe ihn mich verlassen lassen.

Nicht (mehr) geliebt zu werden, fühlt sich an, als würde die Liebe sagen: „Du reichst mir nicht. Setzen, sechs!“ Kummer bereitete mir immer vor allem die Scham über dieses Ungenügen. Liebe scheint eine Leistung zu sein, die mir nicht gelingen will. Diese Liebesversagen hat früh angefangen und es hat bis heute nicht aufgehört.