In einer Welt, in der alle immer nur geliebt werden wollen, wird nicht geliebt

Eines Morgens bin ich aufgewacht und konnte denken. So hat das Unglück angefangen. Fortan war ich auf der Flucht. Ich wollte raus aus der Enge meines Seins. Es gab kein Entkommen. Nur Türen. Einige öffneten sich, um Sekunden später mit einem lauten Knall für immer zuzufallen. Ich habe gerüttelt und gezogen an Türklinken von Türen, die zugehalten worden sind von Lieben, die keine sein konnten. Ich bin allen immer nur zu viel und mir selbst zu wenig gewesen. Mir widerfuhren keine Wunder und ich traf nie eine gute Fee. Es mangelte mir nicht an Vorstellungskraft oder Fantasie aber in meinem Leben fehlte der Zauber. Ich blieb denkend gefangen in einer Großfamilie, in der es jede Menge Ohrfeigen für mich aber zu wenig Geborgenheit für alle gab. Nirgends war Platz, es war immer viel zu laut und alles war in Unordnung. Berge von Schmutzwäsche, ein immer dreckiger Küchenboden und Silberfische im Badezimmer untermauerten meinen Daseinsekel. Das Denken hat auch nie mehr aufgehört. Gefühle schmerzen, weil sie gedacht werden können. Ich wollte immer nur noch weg. Die Fantasie von der verlorenen Tochter war nicht stark genug für den Glauben an Bilderbucheltern, denen ich auf abenteuerliche Weise abhandengekommen war und die nichts unversucht lassen würden mich zu finden. Eine Märchenprinzessin konnte ich auch nicht sein. Das wusste ich von meinen Brüdern. Sie hatten mir oft genug zu verstehen gegeben, dass sie eine wie mich nicht retten aber immer verraten  würden.  Märchenprinzen und meine Brüder mögen keine Frauen mit Gedanken.  Magische Momente waren für mich nicht vorgesehen. Es blieb mir also nichts anderes übrig als mir selbst zu helfen. An einem Tag mit einem besonders hohen Schmutzwäscheberg, vielen Ohrfeigen und noch mehr Silberfischen trat ich wahllos gegen eine Tür, die sich unerwartet öffnete. Die Stille dahinter war wie eine Liebkosung für mein Sein. Der Dunkelheit aber fühlte ich mich nicht gewachsen. Noch nicht und plötzlich ist er da gewesen. Der Traum. Er hat sich vor die Verheißung der Dunkelheit in der einzig offenen Tür geschoben und sich mir als originell verkauft. Er versprach mir einen Platz in einer Welt, die keinen Platz für mich hatte. Niemand hatte mir beigebracht, Mehrwegträume liegen zu lassen aber alle haben mich immer wieder nachdrücklich aufgefordert, mit meinen Spinnereien aufzuhören. Ich gab das Spinnen auf und griff nach diesem Traum.

Die Wäscheberge blieben die von einer Großfamilie, in der alle mit allem überfordert waren. Der Boden unter meinen Füßen war immer noch dreckig. Die Silberfische vermehrten sich weiterhin stündlich aber ich hatte einen Traum, von dem ich nicht wissen wollte oder konnte, dass alle ihn hatten. Der Fertigtraum mit überzuckertem Inhalt war mir so vorherbestimmt wie die Silberfische, die Ohrfeigen und meine Brüder. In der Hochhaussiedlung meiner Kindheit stand dieser Mehrwegtraum zum Mitnehmen an jeder Ecke in der Gegend rum. Er steht da immer noch und er ist noch viel aufdringlicher geworden, als er es damals schon gewesen ist.  Flüsternd verspricht er Halt zu sein und dann hat er dich im Griff. Der Traum. Jahrelang hat er mich festgehalten. Er war eingemauert in meinen Sinn und nichts anderes kam dazwischen. Der Traum war die Droge und die Aussicht auf seine Erfüllung war der Rausch, aus dem ich im Laufe der Jahre immer öfter mit einem anhaltenden Kater erwachte. Ich hatte nie ein Date mit der Zukunft, weil ich glaubte, sie schon zu kennen, obgleich ich ihr nie begegnet bin. Der Fertigtraum hat mich festgehalten an Orten mit Menschen, die so verloren waren, dass sie bereit gewesen sind, alle um sich rum, alles verlieren zu lassen und so bin ich mir selbst abhandengekommen.

Eines Tages bin ich aufgewacht und konnte denken:  Wir alle stehen dicht gedrängt in Massen auf den Bühnen dieser Welt. Ein paar von uns  stürzen in Tiefen. Alle anderen werden unfreiwillig zu Zuschauern eines Publikums, das nie eins sein wollte.

In einer Welt, in der alle nur geliebt werden wollen, wird nicht geliebt.

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