Rausch der Selbstzerstörung

Im Winter war mein Vater gestorben. Im Frühling stand der Tod immer noch sperrig in meinem Leben rum ohne, dass ich was mit ihm anzufangen gewusst hätte. Die Beerdigung hatte ich verpasst. Ich wusste nicht, auf welchem Friedhof mein Vater begraben lag und ich wollte niemanden danach fragen. Der Winter war vergangen, ohne dass ich ein einziges Mal geweint hätte. Es wurde täglich wärmer, aber mir war von innen kalt. Ständig. In dieser Zeit hatte ich mit Dir die Art von Begegnung, die weitere Verabredungen nach sich zieht und die rückblickend immer als Kennenlernen bezeichnet wird, obwohl der Reiz dieses ersten Zusammentreffens doch in der gegenseitigen Fremdheit liegt.

Es war nachts in irgendeiner Bar. Kommentarlos hast Du mir zugesehen bei meinen Versuchen meiner inneren Kälte zu entkommen und Du hast mich von nichts abgehalten. Zum Dank nannte ich Dir meinen Namen. Du hast Dich mit Deinem revanchiert. Das war es schon. Mehr ist nicht gewesen, aber ich wollte es für den Beginn einer ganz großen Geschichte halten.

Es folgte ein verregneter Sommer, in dem ich nichts Anderes getan habe als immer nur bei Dir sein zu wollen. Ich habe nicht gelesen, kein einziges Wort geschrieben und auch nur selten eins in den Mund genommen. Ich konnte nicht essen. Nicht lachen. Nicht heulen. Nicht leben. Nicht sterben. Es fehlte mir an Konzentration für alles. Ich konnte nur bei Dir sein wollen und ich bin nur bei Dir gewesen. Es war nie schön, aber es hätte immer noch schöner werden können, und wäre es nicht so geworden, wie es dann war, ich würde immer noch hoffen, dass mein Schmerz nicht wahr sein muss.

In meiner Erinnerung stehe ich den ganzen Sommer lang im Treppenhaus vor der Tür Deiner Parterre-Altbauwohnung. Die Klingel war kaputt. Ich musste immer klopfen aber die Art, wie ich das tat, hat Dir nie gefallen: „Entweder Du klopfst richtig oder gar nicht!“ Ich habe auf alle vorstellbaren Arten gegen Deine Tür geklopft. Sie blieb verschlossen. Ich hörte auf zu klopfen und wartete immer lange aber nie lange genug, als dass die Zeit zum Gehen gereicht hätte. So war es auch an diesem Spätnachmittag im Hochsommer ohne Hochs. Gerade als ich das Warten aufgeben wollte, hast du die Tür aufgerissen und mich eingelassen. Unschlüssig stand ich im Flur Deiner Wohnung. Es war wie immer. Sobald ich bei Dir war, wusste ich nicht mehr wohin mit mir.

„Du bist so, wie ich früher mal war und wie ich nie mehr sein will!“ Damals habe ich mit diesem Satz von Dir so wenig anzufangen gewusst, wie mit dem Tod meines Vaters, aber weil ich die Stille nicht ertragen konnte, habe ich Dich gefragt, wie Du gewesen wärst. Schweigend hast Du meine Hand genommen. Das war neu. Fast zärtlich hast Du mich in Dein Wohnzimmer geführt. Der Boden war übersät mit Fotoalben.  Ich war überrascht.  Du warst nicht der Typ, der in Erinnerungen blätterte oder von gestern erzählte und das hast du auch nicht gemacht. Du hast Dir einen Joint gebaut und mich aufgefordert die Alben durchzublättern. War ich mit einem fertig, hast Du mir schweigend das Nächste gereicht.  Trotzdem Du in Gesellschaft anderer in unterschiedlichen Umgebungen abgelichtet warst, habe ich immer nur Dein Gesicht gesehen. Es war glatt. Es war weich. Es war liebevoll. Es war ein Gesicht, das Du nicht mehr hattest. Auf den jüngsten Fotografien musst Du etwa Mitte zwanzig gewesen sein, zehn Jahre jünger als der Typ mit dem auffallend vernarbten Gesicht, der mir in Deiner Altbauwohnung gegenübersaß, Rauchringe in die Luft stieß und dessen Grobschlächtigkeit eine so anziehende Wirkung auf mich hatte.  Es roch nach Marihuana. Der Geruch gehörte zu Dir, und weil ich Dich riechen können wollte, ignorierte ich die aufkommende Übelkeit. Ich betrachtete Dich von der Seite. Du hast mich nicht angesehen. Ich hätte Dich fragen wollen nach dem Grund für die Narben in Deinem Gesicht aber ich kannte mich in diesem Sommer nicht aus mit richtigen Zeitpunkten und ich war sicher, jeder wäre der Falsche.

Es war Abend geworden. Dein Telefon klingelte. Du hast den Anruf entgegengenommen. Ich wusste nicht, wer am anderen Ende der Leitung sprach oder worum es ging, aber ich hörte Dich „wir“ sagen. Mehrmals. „Wir!“ Dein Blick suchte meinen, als würdest Du, um meine Zustimmung bitten und das erste Mal in diesem Sommer war mir nicht kalt. Du hast aufgelegt und gesagt: „Wir müssen los“. Wir! Du hast Deine Pläne nicht offenbart und mich nicht nach Meinen gefragt aber selbst, wenn ich in diesem Sommer in der Lage gewesen wäre zu planen, für Dein „Wir“ hätte ich jeden Plan verworfen.

Zwei Stunden später waren wir zu Gast in einer Neubauwohnung, in der wir inmitten einer Gruppe von acht Leuten Platz nahmen, um gemeinsam einen aus Pilzen zubereiteten Zaubertee zu trinken. Ein paar Joints gingen auch rum.

Nachts in einem Club auf der Tanzfläche griff ich mehrmals nach Deiner Hand, aber ich fasste immer ins Leere. Ich konnte Dich sehen. Überall. Aber ich konnte Dich nicht spüren, nicht fassen und nicht halten.  Du hast im Rhythmus der Beats Grimassen gezogen. Unaufhörlich hörte ich Dich sagen: „Du bist so, wie ich früher mal war und wie ich nie mehr sein will!“ Es war, als wäre dieser Satz lyrischer Bestandteil eines jeden Tracks, der in dieser Nacht gespielt wurde und inmitten all der schwitzenden Körper auf der Tanzfläche begann ich wieder zu frieren. Mir wurde schwindelig aber ich hielt mich fest an Deinem Wir.

Im Grauen meines Morgens verließen wir den Club. Großstadtasphalt. Ein Parkplatz ohne Autos. Jede Menge Leute saßen auf dem Boden rum und ignorierten die Vergänglichkeit dieser Nacht. Du kanntest sie alle und wir hockten uns zu ihnen. Die Party war noch nicht vorbei. Du hast Dein Shirt ausgezogen. Eine Frau in eng anliegender Lederkleidung fragte Dich mit röhriger Stimme, ob Du trainieren würdest. Ohne Deine Antwort abzuwarten, erzählte sie von ihrem gut gebauten Liebhaber, der ganz großartig im Bett aber erst fünfundzwanzig Jahre alt sei und den sie ein paar Stunden zuvor abserviert hätte, weil sie sich mit ihren sechsunddreißig Jahren wie eine Kinderschänderin vorgekommen wäre. Du hast gelacht. Ich habe geschwiegen. Von irgendwoher kam laute Musik. Ich hockte auf dem grauen Asphalt. Du hast mir gegenübergesessen. Unsere Blicke klammerten sich ineinander fest und es war, als würde ich durch Dich durch mich sehen, so wie ich mal sein würde, wenn ich nicht mehr so wäre, wie Du mal warst. Mein Gesicht war verzerrt. Die Haut eingefallen. Die Augen leer. Ich konnte mich von diesem Anblick nicht lösen, und als es mir endlich gelungen ist, waren alle anderen Gestalten der vergangenen Nacht verschwunden. Du aber bist hocken geblieben auf dem grauen Asphalt und hast mich gehen lassen.

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