Wir hatten diese eine Nacht, die ein Märchen hätte werden können und die dann doch nur das Leben war

Die Grenze ist mindestens ein Mensch, der einem anderen den Anfang nach dem Ende verweigert. Wer von uns war wer? Warst du die Grenze? Hätte ich dein Anfang sein können? Oder war es umgekehrt?

Dein Platz war die Mitte. Ich stand am Rand. Da stehe ich noch und jeden Abend wieder. Umgeben von Mänteln, die Leuten gehören, die einst deinetwegen ins Theater kamen und die schnell einen anderen Grund dafür gefunden haben. Alles ist so, wie es immer war und trotzdem ganz anders. Es gibt Wunden, für deren Heilung die Zeit nicht zuständig ist.

Das Jahr war kaum zwanzig Minuten alt. Die Gäste standen mit ihren gut frisierten Leben auf dem Theatervorplatz und bestaunten die Feuerwerke der Stadt. Ich war allein an der Garderobe, sehnte mich nach Vergessen und dachte dabei an alles, was ich nicht vergessen konnte.
 „Silvester ist ein Arschloch!“  Ich zuckte zusammen, nahm den Blick aus der Einsamkeit und schaute in die Richtung, aus der deine Stimme gekommen war. Unsere Blicke trafen sich im gegenüberliegenden Spiegel.
Du hast mit einer Flasche Wein in der Hand am Garderobentisch gelehnt. Dein Spiegelbild sprach mit meinem:

„Entschuldige“

 „Was?“

Ich wollte Dich nicht erschrecken!“ 

„Hast du nicht.“

 „Mir musst du nichts vormachen.“

„Du bist betrunken!“

Trotzdem!“

„Trotzdem was?“

„Ich weiß alles, ich kenne die ganze beschissene Geschichte!“

Ich schwieg. Du hast mir die Weinflasche gereicht, ohne den Blick von meinem Spiegelbild zu nehmen: „Wieder ein Jahr, das von der Gefängniswand des Lebens gestrichen werden kann!“ 

Ich nahm einen Schluck aus der Flasche. Du hast mit den Schultern gezuckt: „Jeder hat seine Art sich der Aufdringlichkeit von Jahresanfängen zu entziehen! Das ist meine. Irgendwelche Einwände?“

Ich schüttelte den Kopf und nahm noch einen Schluck. Du hast mir eine geöffnete Schachtel Zigaretten hingehalten.

Hier ist Nichtraucher!“

„Ich rauche trocken.“

Schweigen.

„Was ist deine Strategie im Umgang mit der Aufdringlichkeit von Jahresanfängen?“

Ich setzte die Flasche erneut an, um Zeit zu gewinnen. Du hast den Blick nicht von meinem Spiegelbild genommen. „Arbeiten.“ Ich wendete mich den Mänteln an der Garderobe zu, schob sie von links nach rechts und strich Ärmel glatt, die nicht zerknittert waren.

„Und sonst? Wie kommst du klar?“

Du hast nicht locker gelassen.

Wir haben uns vor langer Zeit gekannt, ohne uns zu kennen. Du hast in der achten Etage des runtergekommenen Hochhauses in der miesen Gegend gewohnt. Ich in der Fünften. Jahrelang haben wir uns im stinkenden Fahrstuhl schweigend gegenübergestanden. Du warst immer in Begleitung deiner Mutter, deren guter Geruch sich gegen den Fahrstuhlgestank behauptete. Jedes Mal hat sie mir aufmunternd zugenickt, so als wollte sie mir zu verstehen geben, dass sie mit meiner Anwesenheit im Fahrstuhl einverstanden sei. Du bist mir immer nur mit ihr zusammen begegnet und dann gar nicht mehr. Deine Mutter stand mir allein im Fahrstuhl gegenüber, nickte mir nur noch selten zu und ihr Geruch hatte dem Gestank nichts mehr entgegenzusetzen. Ich nahm immer häufiger die Treppe.

In der miesen Gegend, in der wir aufgewachsen sind, waren die Angelegenheiten der anderen vor allem ihre Sache.  Es wurden keine Fragen gestellt. Nie. Keiner wollte was wissen. Niemand wusste irgendwas. Das war so eine Art Gesetz. Alle, die wir kannten, ohne sie zu kennen, haben sich dran gehalten. In dieser einen Nacht zwanzig Jahre später aber hast du diese Regel gebrochen und den Anfang eines Märchens erzählt, das ich zu spät als ein solches erkannt habe.

Unsere Wege hatten sich erst vor ein paar Monaten wieder gekreuzt. Ein Schauspielengagement brachte dich an das Theater, in dem ich als Garderobiere arbeite. Vorübergehend. Seit elf Jahren. Bis zu dieser einen Nacht haben wir es bei dem vertrauten Schweigen belassen. Ich wusste nicht, ob du mich wieder erkannt hattest und ich wollte es auch nicht herausfinden. Dein Platz war die Mitte der Bühne im Scheinwerferlicht. Ich stand am Rand.  Da stehe ich noch und jeden Abend wieder. Die Theaterbesucher schauen an mir vorbei in den Spiegel hinter meinem Rücken und lächeln ihren Spiegelbildern zu als würden sie alte Bekannte begrüßen, während sie ihre Mäntel, Jacken und Taschen bei mir abgeben. Die meisten Abende ist die Frau in dem Spiegel gegenüber der Garderobe die einzige Person, mit der ich Blickkontakt habe.

In dieser einen  Nacht hast du da gestanden, wo sonst nie jemand steht. Hinter mir. Im Spiegel dein Blick. „Wie kommst du klar?“ Ich schwieg. Wir taxierten unsere Spiegelbilder, als würden wir uns duellieren wollen. Keine hat den Blick von der anderen genommen und schließlich hörte ich mich sagen: „Vergessen üben. Immer wieder nur vergessen üben!“

„Verstehe!“  

Tatsächlich?“

„Du glaubst, ich hätte keine Ahnung?“ 

 „Kann sein!“ 

„Vergessen ist das Einzige, was du tun kannst, wenn du es kannst!“

Der Satz hallte nach wie ein Echo. Wir tauschten Blicke, die das Unaussprechliche erzählten. Du hast dich voll und ganz auf diese wortlose Unterhaltung eingelassen. Ich dagegen habe mich dem Unsagbaren deiner Geschichte in letzter Konsequenz verweigert, ohne wissen zu wollen warum.

Die Feuerwerke der Stadt waren verstummt. Ein paar übrig gebliebene Raketen knallten wie ziellose Schüsse einsam durch diese eine Nacht, die ein Märchen hätte werden können und die dann doch nur das Leben war. Der Programmpunkt Feuerwerk war abgehakt. Der DJ wartete auf der Bühne. Die Leute wollten ihre Mäntel loswerden und tanzen. Dein Platz wäre in ihrer Mitte gewesen. Trotzdem hast du hinter mir am Rand gestanden. Mäntel wurden abgegeben, wieder abgeholt und wieder abgegeben, nachdem die Leute in ihren Manteltaschen Beweise für ihre gut funktionierenden Leben gesucht und gefunden hatten. Dein Blick war bei mir, während die unbedarfteren Gäste ihre Wunschleben in dich hineinsahen. Die anderen haben dir Neujahrsfloskeln zugeworfen. Du hast sie aufgefangen und zurück geworfen, auch wenn dir nicht danach gewesen sein kann. Du hast Schutz gesucht in meinem Rücken zwischen den Mänteln all dieser Leute, die nur deinetwegen ins Theater kamen, aber deren Bewunderung nicht helfen konnte gegen den Schmerz, den du immerfort in Dir getragen hast.

Wäre alles anders gekommen, wenn ich mit dir gegangen wäre? Wo wären wir angekommen? Die Grenze ist mindesten ein Mensch, der einem anderen den Anfang nach dem Ende verweigert. Wer ist wer gewesen in dieser einen Nacht, die ein Märchen hätte sein wollen und die dann doch nur das Leben war?

Die Party war im vollen Gange.  Wir waren wieder allein an der Garderobe. In der Ecke des Foyers saß ein Pärchen eng umschlungen in einem Sessel, von irgendwoher war ein Schnarchen zu hören und im Spiegel sah ich dein Gesicht. Du hast hinter mir gestanden. Es sah aus als hätte ich zwei Köpfe.  „Lass uns verschwinden!“ hast du geflüstert und dabei meinen Blick im Spiegel gesucht. Du warst mir so nah, dass ich dich riechen konnte und hätte ich auf mein Gefühl gehört, ich wäre widerspruchslos mit dir gegangen. Hätte. Wäre. Vertrauen.

„Ich kann nicht“

„Du willst nicht.“ 

„Doch. Schon. Aber.“

„Das überzeugt mich.“

„Machst du dich witzig über mich?“

„Ja“

„Ich muss auf die Mäntel aufpassen.

„Es sind nur Mäntel.“

„Das ist mein Job.“

Du hast mir wortlos nickend ein Kärtchen mit Deiner Telefonnummer auf den Garderobentresen gelegt und bist gegangen, ohne dich noch einmal nach mir umzudrehen. Noch in derselben Nacht habe ich die Nummer auswendig gelernt und sie nie wieder vergessen.

Die Grenze ist da, wo Schluss ist, wenn alles aufhört und nix mehr kommt. Nie mehr. Kein Anfang. Kein Morgen. Kein „schauen wir mal“ und kein „wird schon wieder“. Grenzen lassen alle Hoffnungen gegen Wände laufen und sterben. Aus! Toter Punkt! Vorbei! Du warst an einer dieser Grenzen angekommen, bist über sie rüber gegangen und ich habe nicht mal versucht dich aufzuhalten. Wäre alles anders gekommen, wenn ich mit dir gegangen wäre? Wo wären wir angekommen?

Manchmal stelle ich mir vor, das Leben wäre in dieser einen Nacht das Märchen geworden, das es hätte sein können. Dann tippe ich deine Nummer in mein Handy. In meiner Fantasie hebst du ab und ich erzähle dir, dass ich fürs Vergessen kein Talent habe.

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