SCHERBENTANZ

Mein Körper fühlt sich an, als wäre er angefüllt mit sich selbst vermehrenden Glasscherben, die bei jeder Bewegung scheppern und von innen nach außen in meine Haut schneiden, ohne dass auf meiner Hautoberfläche auch nur eine Schramme zu sehen wäre. Die Schmerzen drohen aus mir herauszubrechen, die Gestalt von Monstern anzunehmen und über die anderen herzufallen. Es wäre nicht das erste Mal. Ich halte still. Des Schepperns wegen. Der Schmerzen wegen. Der Monster wegen.

Ich bin in IRGENDWO mit Leuten, die IRGENDWER bleiben werden. In meiner Fantasie vorher war alles anders. Die Leute. Die Gruppe. Der Ort.

Das Glasscherbengefühl hatte ich im Vorhinein nicht bedacht. Jetzt aber lässt es mich bewegungslos inmitten von Leuten sitzen, die alles so viel besser hinkriegen als ich: Die Kunst. Das Schreiben. Die Liebe, den Erfolg und alles andere auch. Sie lassen ihre Leben auf einen imaginären Laufsteg posieren. Das hat Tiefen und Längen aber es ist nötig. Imagepflege.

Die Frage nach der jeweiligen Haltung steht nicht wirklich im Raum. Übereinstimmung ist Voraussetzung.  Die gegenseitige Versicherung, dass Meinung und Standpunkte geteilt werden, braucht dennoch viele Worte. Das, was schon einige Male gesagt wurde, wird in mehr oder weniger veränderten Wortlauten mehrmals und dann auch noch mal in englischer Sprache wiederholt. Die Welt ist wund. Die Lage ist ernst. Die Kunst hat einen Auftrag, dem Kunstschaffende gerecht werden müssen. Gelingt ihnen das nicht, sollten sie es lieber bleiben lassen. You are not an artist! Die Kunstpolizei verbleibt mit freundlichen Grüßen. Wie so oft in dieser Zeit, gibt es nur genau zwei Möglichkeiten. Politisch oder unpolitisch. Richtiger Feminismus oder gar keiner. Kunst oder Dreck. Likes oder Shitstorm. Es wird viel genickt in dieser Runde in IRGENDWO. Das Glasscherbengefühl hindert mich am Mitnicken. Ich halte still, wegen des Schepperns, der Schmerzen und der Monster. Die Bewegungslosigkeit meines Körpers lähmt meinen Geist.

In einer Pause bei einer Zigarette draußen vor der Tür nennt ein Mann eine der Frauen eine hässliche Fotze. Sie ist nicht dabei und sie hört es nicht.  Ich erschrecke. Es scheppert in mir. Fast bricht der Schmerz aus mir raus, die Monster sitzen in den Startlöchern. Es kostet mich Mühe und Kraft sie daran zu hindern über den Mann herzufallen. Die Frau raucht nicht. Sie ist drinnen hinter der Fensterscheibe. Sie wird später sagen, dass sie froh ist, diese Gruppe in IRGENDWO gefunden zu haben und dass sie von der ersten Minute an so ein vertrautes Gefühl hatte. Sie wird einige namentlich ansprechen. Ich habe keinen Namen aber der Mann. Die Kunstpolizei hat ihm nichts vorzuwerfen. Der Künstler grinst. Es scheppert in mir. Die Monster wollen raus.  Ich halte sie fest und schweige aber das Stillhalten hilft nie mehr nichts. Der Erdball ist angefüllt mit sich selbstvermehrenden Scherben, die bei jeder Bewegung von innen nach außen in die Erdoberfläche schneiden. Der Boden unter unseren Füßen reißt auf. Wir laufen auf Scherben. Alle.



Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s