Liebesdings

Vor einer Ewigkeit hat mir ein Typ in einer Bar neben einem Billardtisch seine Zunge ins Gesicht gedrückt. Ich wusste nicht, wer ich war also habe ich ihm keine gescheuert, sondern bin seine Freundin geworden. Eine von vielen Rollen, in denen ich lebte, als könnten sie mir die Heimat sein, die ich in mir drin nicht zu finden vermochte. Ich war Jahre unterwegs, ohne mich von der Stelle zu bewegen.

Die Liebe an sich stand nie zur Disposition. Ungeliebt war ich mir selbst verdächtig. Was war los mit mir? Ich hatte die Berechtigung meines Daseins unter Beweis zu stellen. Dieses Liebesdings musste ich unbedingt auf die Reihe bringen.

Andere ließen mich wissen, dass ich allein nie genug sein würde. Mir selbst habe ich auch nicht gereicht. Die Liebe ist für alle Grund genug für alles. Ich habe das nie hinterfragt. Vom Wesen der Liebe wird behauptet, sie sei moralisch einwandfrei und etwas Heiliges, das in allen und allem am Ende das Beste zum Vorschein bringt. Wie kommen wir darauf? Ich habe die Liebe getroffen und ich bin von ihr getroffen worden. Ja! Sie schießt. Inwiefern ist das moralisch einwandfrei?

Würde mich jemand aus dem Hinterhalt mit Pfeil und Bogen abschießen, ich würde versuchen, die Person ausfindig zu machen und dafür sorgen, dass sie den Blödsinn in Zukunft unterlässt. Der Liebe habe ich ihr Inkognito-Dasein immer genauso zugestanden wie ihre Aggression. Ich habe mir alles schön geredet. Nie bin ich ohne Schmerzen davon gekommen. Es hat jedes Mal weh getan.

Der Typ von damals aus der Bar, dessen Freundin ich war,  ließ mich immer wieder wissen, dass er nicht lieben könne. Ich fühlte mich beauftragt das zu ändern. Es gelang mir nicht. Es hat drei Jahre gedauert bis mir einfiel, dass ich mehr sein könnte als nur die Freundin von diesem Typen aus der Bar. In dem Moment, als er meine Liebe zu verlieren fürchtete, war er sich seiner Liebesunfähigkeit nicht mehr so sicher. Er flehte mich an, nicht zu gehen. Ich hielt mein Bleiben für Liebe und habe ihn dafür gehasst. Ein Jahr später hat er es kapiert.

Ich habe ihn mich verlassen lassen.

Nicht (mehr) geliebt zu werden, fühlt sich an, als würde die Liebe sagen: „Du reichst mir nicht. Setzen, sechs!“ Kummer bereitete mir immer vor allem die Scham über dieses Ungenügen. Liebe scheint eine Leistung zu sein, die mir nicht gelingen will. Diese Liebesversagen hat früh angefangen und es hat bis heute nicht aufgehört.

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