Der Welt gegenüber stehen. Nie in ihr drin.

Ich bin einem über Jahre andauernden Grauen entkommen, um dann selber zu meiner eigenen Katastrophe zu werden. Ich war oft nicht gut zu mir. Oder ich fand andere, die das für mich übernahmen. Es war, als würde ich mich ständigen Gewittern aussetzen. Blitze beleuchteten jedes Mal aufs Neue alle zum Schweigen angehaltenen Erinnerungen, um sie in meine Gegenwart zu kleben, als sei diese ein Fotoalbum. Vielleicht hat das Vergessen für alle Menschen nur ein begrenztes Kontingent für Schmerzmomente, Dramen und Tragödien zur Verfügung. Meins muss ausgeschöpft sein. Mir ist zu viel Erinnerung geblieben und mir ihr das Gefühl der Welt immer nur gegenüber zu stehen aber nie in ihr drin.

Und da ist noch was. Vom ersten Tag meines Daseins an muss ich umgeben gewesen sein von einem Tuscheln, das Geschichten erzählt, die ich nicht kenne. Die Grausamkeit, mit der mir meine Familie begegnet ist, hat mich immer unvorbereitet getroffen. Die Frage nach dem Warum ist bis heute unbeantwortet geblieben. Das Tuscheln ist die einzige Erklärung, die ich gefunden habe. Es kann doch sein, dass diese – mir unbekannten – Geschichten aus dem gestern meiner Mutter, meines Vater und anderer Verwandter wie Monster unaufhörlich flüsternd hinter mir gestanden haben, ohne dass ich etwas davon bemerkt hätte. Die Grausamkeit meiner Verwandtschaft richtete sich möglicherweise mehr gegen diese Erinnerungen, die ihnen das Vergessen nicht abgenommen hatte als gegen mich. Ich hatte einfach Pech. Falsche Zeit. Falscher Ort. Falsches Leben. Gegen das Tuscheln der Monster von Gestern hatte ich keine Chance. Kann doch sein. So viele Geschichten hatten sich schon ereignet, bevor meine anfing und sich mit jenen vermischte, die verschwiegen werden sollten.

Meine Geschwister und ich haben unsere Taschen am gleichen Ort gepackt aber wir tragen verschiedene Vergangenheiten mit uns rum.  Wir hatten die gleichen Eltern aber wir sind unterschiedlichen Menschen begegnet. Da war nie eine Verbundenheit zwischen uns. Meine Familie ist die Welt, der ich immer nur gegenüberstand.

Die Vergangenheit will raus aus dem Keller meiner Seele, ans Licht, in dem sie eigenständig stehen kann, neben meinen Fehlern, frei von Scham. Vermutlich braucht der Schmerz diese Freiheit, um wenigstens die Option zum Gehen zu haben. Wie aber lässt sich die Zerrissenheit eines Herzens erzählen, die Brüchigkeit einer Seele beschreiben ohne dass andere sich zur Herausgabe von Mitgefühl genötigt fühlen so als ob ich ihnen in der U-Bahn einer Großstadt einen Zettel mit der Bitte um Hilfe unter die Nase halten würde? Wie oft müssen meine Worte lächeln, damit mir die Aufforderung zum Verzeihen als Antwort auf eine Frage, die ich nicht gestellt habe, erspart bleibt? Wo in meiner Erinnerung findet sich der Witz, der das Grau aus meinem gestern für andere erträglich macht?  Was muss ich verschweigen, beschönigen, umschreiben, um nicht der Lüge bezichtigt zu werden? Wie lässt sich der eigene Schmerz erzählen ohne dass andere sich um ihren Kummer betrogen fühlen?  Wann werde ich mir erlauben so wütend so zu sein, wie ich es bin, ganz egal mit wie vielen Fingern auf mich gezeigt wird?

Mit welcher Geschichte fange ich an?

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