Staub von Erinnerungen wischen …

Ich wische Staub von Erinnerungen, die zusammengefaltet in Kisten liegen, so wie Lieblingskleidung, die mir nicht mehr passt, aber die wegzugeben ich nie übers Herz gebracht habe. Jetzt fahre ich rückwärts durch die Zeit, vorbei an all den Leben, die nach dir kamen. Ein Sonntag mit Regen in der Stadt, die auf Sand gebaut ist. Ich schaue denen, die wir waren, dabei zu, wie sie einander verweigern zu geben, was sie brauchten. Es ist ein Ende ohne Abschied. Unser Anfang hatte mehr Größe. Er überstrahlt das Grau(en) dieses Sonntagnachmittags. (…)

Im Rückspiegel der Zeit klebt ein Foto. Es wurde aufgenommen in einem Café in der Stadt am Wasser. Unser Wir war lange vor dieser Aufnahme über das Erbe meiner Traurigkeit gestolpert. Du hattest den Punkt gesetzt. Dennoch erzählt das Foto von dem Zauber einer Geschichte, die nicht meine hat werden können aber deren Anfang so voller Poesie war wie keiner davor und kaum einer danach. Fotosessions. Dunkelkammernächte. Der Geruch von Fotochemie in den Klamotten. Vorlesen aus Büchern von Leuten, die damals so alt waren wie wir heute. Botschaften geschrieben in schwarzer Tinte auf Herz- oder Karoass-Karten. Freiheit. Lachen. Musik. Edelsteine. Blicke in die Tiefe des anderen. Eine Reise ans Meer. Das Erbe meiner Traurigkeit kommt mit und versetzt uns einen kräftigen Tritt in die Hacken. Wir stolpern. Punkt. (…)

Das Foto in dem Café wurde viel später aufgenommen. Noch einmal werfen wir einen Blick in die Tiefe des anderen, aber wir sehen nicht mehr so genau hin. Wir sind Freunde. Es ist okay. Inzwischen. Ist es. Okay. Für dich mehr als für mich. In ein paar Tagen werde ich die Stadt verlassen haben. Mir fehlte der Mut zu bleiben. Das Foto von uns ist in einem der Leben nach dir verloren gegangen. Jemand hat es zerrissen. (…)

Ich habe das zwischen uns nie Liebe genannt, weil es zu wenig erzählt von dem, was es war und zu viel von dem, was alle erzählen. Es war nah dran an etwas, für das ich keine Worte und keine Beweise habe. Geblieben ist eine Narbe, die ich so lange nicht angefasst habe, dass der Schmerz bei Berührung mich überrascht.

Vielleicht waren alle Tränen in den Leben und Lieben danach immer auch dem Scheitern dieser Geschichte gewidmet.

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