Gespensterspiele

Die Begegnung mit dir war die Art von Zufall, an den keiner glauben will. Mir war kalt. Du hattest Langeweile. Wir haben uns ineinander verirrt. Die Zeit mit dir war ohne Soundtrack. Es gab keinen Song, den wir damals unser Lied nannten oder der uns später aneinander hätte erinnern können. Wir waren Gespenster. 

Ich war neu in der Stadt. Ein Liebeskummer, der mich schon seit Jahren begleitete, hatte den Umzug überdauert. Mein Sein fühlte sich an wie ein Buch, dessen Seiten alle zerfetzt waren. Selbst für mich kaum zu entziffern. Zerrissenheit in Buchstaben, immer wieder neu zusammengesetzt, bis zu lesen war, was immer gelesen werden wollte.

In einer anderen Verfassung hätte ich vielleicht einen Bogen um das Theater gemacht, für das wir beide arbeiten sollten. Damals hielt ich es für einen Zufluchtsort, der mir Heimat werden könnte. Der Name des Theaters prophezeite das Gegenteil. Das war nicht die einzige Warnung, die ich übersehen habe.

In einem Hotel nachts auf einer Tour haben wir über den zarten Anfang einer Freundschaft weiße Laken geworfen und uns in die Gespenster verwandelt, die wir nie mehr aufhören sollten zu sein. Meine Sehnsucht ließ sich widerstandslos an die Hand nehmen und mitziehen, ohne dass ich die Richtung hätte einschätzen können. Die Missverständlichkeit des Wortes Geliebte lockte mich in einen Irrgarten voller Versprechen, deren Erfüllung ich nicht herbeisehnte. Ich hatte mich in den Laken verheddert und verloren, aber ich habe nie wieder darin gelegen. Du wolltest glauben, es wäre der Mangel an Gelegenheiten. Ich wusste es besser. Wir stritten so laut, dass du nicht hören musstest, was ich dir nie sagen konnte. Es beschämte mich, eine Geliebte zu sein, die es nicht verstand, dich ihrer Rolle entsprechend zu lieben. Du hast mir in den Mantel der Schuld geholfen und ich habe ihn getragen wie ein Kostüm in einem Theaterstück, in dem ich besetzt worden war, ohne meinen Text zu kennen. Alle Versuche, uns der Laken zu entledigen, sind gescheitert.

Über Monate brachten wir das Gespensterspiel wieder und wieder zur Aufführung. Ohne Publikum. Wir gaben das Drama für uns und vor uns selbst. Manchmal liefen andere über die Bühne, ohne zu wissen, dass sie Teil des Geschehens waren. Deine Freundin war eine von ihnen. Sie wusste nicht, dass sie im Off darauf wartete, uns zu enttarnen. Ich auch nicht. Und du?

Gezwickt von Mantel der Schuld habe ich in einem Brief alles aufgeschrieben, was ich dir nie zu sagen gewagt hatte. Ich war als Geliebte eine Fehlbesetzung und ich bat dich um deine Freundschaft. In den vorangegangenen Streitereien hatte ich mich gegen deine Regieanweisungen aufgelehnt. Es folgten Versöhnungen und ich gab vor, meine Sehnsucht hätte die gleiche Farbe wie deine. Die Streitereien wiederholten sich aber ich habe mich deinem Wollen nie widersetzt. Der Brief war eine Entscheidung. Ich versuchte mir das Kostüm vom Körper zu reißen und leistete mir ein Wollen. Der Mantel der Schuld klebte auf meiner Haut. Du hast einen Gürtel drumgebunden und mich ins Scheinwerferlicht gezerrt. 

Deiner Freundin war ich vorher auf Premierenfeiern begegnet, auf Geburtstagspartys oder nach Probenende im Foyer des Theaters. Small Talk. Lächeln. Grüße. Kein Misstrauen. Keine Fragen. Nicht eine Verdächtigung. Wir waren Gespenster. Niemand hat uns gesehen. Ausgerechnet die für ein Ende und einen Neuanfang geschriebenen Zeilen aber haben uns sichtbar werden lassen? Ein Zufall, den ich erst viel später infrage stellen sollte.

Nach dem Brief begegneten wir uns in der Dunkelheit eines Flures ein letztes Mal allein.  Es erschreckte uns einander zu sehen, so als hätten wir vergessen, dass wir Gespenster waren.

Der Spuk setzte sich fort. Über Monate. Vor Publikum. Geschrei. Lästereien. Gerede. Unterstellungen. Kündigung

Sendepause.

Unsere Gemeinsamkeit beschränkt sich auf eine Kleinstadt, in der wir zur selben Zeit in verschiedenen Welten aufgewachsen sind.  Du warst gewohnt zu kriegen, was du wolltest. Ich kam aus einer Welt, in der sich das Wollen nicht geleistet werden konnte. Dieser Unterschied war ein Graben, angefüllt mit der Brutalität einer Wirklichkeit, für die du und ich nichts konnten, aber der wir auch nichts weiter entgegenzusetzen hatten als unsere Wut aufeinander. Trotzdem. Bis zum Schluss hoffte ich auf eine Umkehr zurück zur Unschuld unserer ersten Begegnungen, als wir noch zwei Menschen mit der Chance auf eine Freundschaft waren. Das aber ist nie dein Plan gewesen

Der Zufall oder wer oder was auch immer führte dich in meine Nachbarschaft. Du warst in meiner Straße in das Haus am Friedhof gezogen.  Es schien, als würde uns so was Ähnliches wie eine Freundschaft doch noch gelingen. Bei jeder Begegnung hast du mich gefragt, was die Liebe macht. Interessiert hat dich aber vor allem mein Scheitern an ihr.  Hatte ich etwas vom Glück zu erzählen, dann bist du darüber hinweggegangen, als hätte ich eine Belanglosigkeit übers Wetter von mir gegeben. Mein Kummer ließ dich dagegen jedes Mal laut auflachen, so als wäre er ein Witz. Du hast mich gebeten, in Gegenwart deiner Freundin nie zu erwähnen, was zwischen uns war. Das habe ich akzeptiert, um der Freundschaft willen. Es ist vorbei. Dachte ich. In Wahrheit war das Drama für dich noch nicht abgespielt. Wie blieben Gespenster. 

Das letzte Mal begegnet bin ich dir auf der Bühne des Theaters, dessen Name mir eine Warnung hätte sein können. Scheinwerferlicht. Tusch. Alles war etwas aufgeblasen. Dein Schlussmonolog bestand aus einem einzigen Satz, einer Phrase.  „In dieser Geschichte gibt es nur Verlierer!“  Das Licht wurde runter gedimmt. Du hast den Vorhang fallen lassen.  Deine Welt. Deine Rache. Deine Regeln. Dein Wollen.

Keine Freundschaft.

Unser Wir hätte nicht sein müssen und im Grunde ist es auch keins gewesen.

Ein Kommentar zu „Gespensterspiele

  1. Ein toller Text mit starken Bildern, Kompliment! „Der Mangel der Schuld“ finde ich ein geniales Bild. Gegen Ende verliert der Text für mich etwas an Kraft, da Du konkreter und weniger mit Metaphern schreibst. Es ist, als ob die nackten Gefühle gegenüber dem kunstvollen Ausdruck die Oberhand bekämen.

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