Gebraucht-Träume

Über dich zu schreiben ist, als würde ich Schorf von einer Wunde pulen, obwohl ich weiß, dass es bluten wird. Du warst als Durchreisender in meinem Leben zu Gast und hast Gepäck zurückgelassen. Es ist angefüllt mit Verrat, Gleichgültigkeit, Scham und Angst. Zwischendrin finden sich Fetzen von etwas, das ich heute nicht mehr zu benennen weiß.

Zum Zeitpunkt unseres Aufeinandertreffens hatten alle meine Träume Gebrauchsspuren so wie die von anderen ausgemusterten Klamotten, die ich in meiner Kindheit und Jugend aufgetragen habe. Die Fasern kratzten auf der Haut und alles roch nach Erinnerungen, die nicht gewollt waren.

Füreinander waren wir beide jeweils der mit Blindheit geschlagene Fleck. Wir hätten gut daran getan, uns bei unserer ersten Begegnung gegenseitig am Straßenrand stehen zu lassen wie ausrangierte Sperrmüll-Spiegel. Sehen konnten wir ineinander ohnehin nur die Schatten, die wir schon kannten. Unsere Vergangenheiten wiesen in ihren Graustufen Übereinstimmungen auf. Die sich daraus ergebende Nähe wärmte uns für Sekunden und wurde dann zum Stacheldraht, der alles zerfetzte, was sein hätte können.

An unserer gemeinsamen Arbeitsstelle wurde ich damals ständig gefragt, wie ich denn zu dir stehen würde. Heute kann ich nicht mehr sicher sagen, ob die Fragerei das Folgende ausgelöst hat oder ob ich nur den Regieanweisungen eines Gebraucht-Traums folgte. Sicher ist, dass ich mich dir verbunden fühlte. „Du musst ihm das sagen!“, drängte mich eine „Freundin“ mit Sorgenfalten auf der Stirn, so als müsste sie eine Mörderin überreden, sich der Polizei zu stellen. Da war niemand, der oder die mich abgehalten hätte von einer Offenbarung, deren Konsequenz das Gefühl von Würdeverlust bei jedem Kontakt mit dir war.

Mein Geständnis war eine Freundschaftskapitulation, ein Irrtum, eine Behauptung wie von fremder Hand in meine Biografie gekritzelt. Im Spiegel deiner Blicke war ich ab diesem Moment für immer entblößt. Du bist meiner Zuneigung begegnet, als sei sie eine Zumutung. Bis heute wünsche ich mir, ich könnte die an dich gerichteten Worte ausradieren, so als hätte ich sie nur mit Bleistift in die Welt geschrieben. In der Vorbereitung auf diesen Moment gab es keinen danach. Es war nicht diese Art von Liebe, die sich von Freundschaft durch Körperlichkeit unterscheidet. Das wäre sie auch nicht geworden, wenn dir als Reaktion auf mein Verliebtheitsgeständnis mehr eingefallen wäre als: „Scheiße!“ Obgleich dieses eine Wort in seiner Derbheit alles zusammenfasste, was unser Aufeinandertreffen am Ende ausgemacht hat. Das aber wusste ich damals noch nicht.

In einer überfüllten U-Bahn schreist du mir Informationen über deine neue Beziehung ins Ohr. Es geht um Pferde, gemeinsame Reittouren und Geschenke, die dich vor allem wegen ihres Geldwertes beeindrucken. Ich verstehe die an mich gerichtete Ansage: „Zurückbleiben bitte!“ Du meidest den Kontakt unserer Blicke. Zum Abschied küsst du mich auf den Mund so wie du das immer gemacht hast, ohne zu fragen, ob mir das Recht sei.

In meiner Erinnerung an unsere gemeinsame Wegstrecke finden sich nur Fragmente. Das liegt weniger an meiner Vergesslichkeit als vielmehr daran, dass das zwischen uns vermutlich nie mehr war als eine Aneinanderreihung von Brüchen. Die Frau mit den Pferden und den teuren Geschenken wurde Geschichte. Ein Guru forderte dich auf zu meditieren, das Kiffen sein zu lassen, eine Frau zu finden und ein Kind zu kriegen. Du hast das alles genauso gemacht. Zwischen uns Funkstille. Jahre vergehen, in denen ich mir nicht erlaube, an dich zu denken.

Einem Wiedersehen ohne Absicht folgen sporadische Begegnungen mit Gesprächen, in denen es vor allem um dein Leben geht. Du erzählst. Dir laufen die Tränen und es wirkt als würdest du dich gut dabei fühlen. Das Gefühl von Würdeverlust liegt immer noch in der Luft. Du küsst mich bei jedem Abschied auf den Mund, so als wäre es nicht nötig, mich zu fragen, ob mir das Recht sei. Ich will an eine Nähe ohne Namen glauben und daran, dass wir füreinander da wären, käme es darauf an.

Es kam anders. In einer Situation, in der es für mich darauf angekommen wäre, hast du alle meine Kontaktversuche unbeantwortet gelassen so als hätten wir einander einst tatsächlich am Straßenrand stehen lassen wie ausrangierte Sperrmüll-Spiegel.

Erst jetzt beim Aufsammeln gemeinsam durchlebter Augenblicke begreife ich, dass sie für dich alle ohne Bedeutung waren. Kein Reden, Schweigen, Lassen oder Tun hätte den dich umgebenden Nebel lichten können. Ich hätte eine andere sein können und bin es wahrscheinlich auch gewesen.

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