Unerhörte Fremde in Grau

Die Fremde hat sich in meinem Sein eingerichtet, lange bevor ich ihr einen Namen hätte geben können. Seitdem steht sie zwischen mir und der Welt wie eine Wand, die auf meiner Seite mit rostigen Nägeln beschlagen ist. Die Fremde ist mir Gegnerin und Vertraute zugleich. Stellvertretend für andere und gemeinsam mit ihnen bezieht sie Position. Gegen mich. Sie ist immer bei mir, aber nie auf meiner Seite. Eine Nähe, die schmerzt wie Schläge.

Seit ein paar Monaten durchdringen Geräusche die Wand mit den rostigen Nägeln. Draußen haben Leidtragende dem Schweigen ein Grab zugewiesen. Worte reihen sich aneinander und verraten, was alle nicht zugeben schon immer gewusst zu haben. Flaschen fallen klirrend zu Boden. Das Begräbnis wird torpediert. Trotzdem. Die Fremde zittert und verliert öfter ihr Gesicht, aber sie bleibt.

Im Unerhörten wohnen Geschichten mit Armen, die nach mir greifen und an mir zerren. Es ist die Art von Nachhause kommen, die keinem zu wünschen ist. Kälte. Dreck. Gestank. Das Gegenteil von Geborgenheit ist der Geruch von Schokolade, die seit Jahren vor sich hingammelt. Ich bin wieder hier. War nie richtig weg. Stehe bis zum Hals in diesem Dreck, der sich mit nichts wegwaschen oder abschrubben lässt. Wie oft habe ich mir in der Hoffnung auf Heilung die von Krankheit befallene Haut abgezogen?

Der Schmutz ist geblieben und mit ihm die Geschichten, denen – ausgesprochen oder niedergeschrieben – immer mindestens ihr Mangel an Humor vorgeworfen wird. Allem Schweigen sind Versuche ihres Gegenteils vorausgegangen. Es sind nie allein Worte, die vom Grauen erzählen.

Die meiste Zeit meines Lebens bin ich als Schwarz-weiß-Filmversion durch die Farbwelten der anderen gelaufen. Das löste Irritationen aus. Die Graustufen in meiner Biografie haben andere provoziert. Die Kontraste wurden mir übelgenommen. In den Farbwelten der anderen hatte mein Grau(en) keinen Anlass. Sie nannten es Attitüde. Immer wieder wurde ich aufgefordert, das Grauen zu bedecken, es zu übermalen, zu kaschieren, zu verschweigen, zu leugnen, zu vergessen oder zu überwinden.

Ich habe alles probiert aber nichts hat den Schmerz der in mir wohnenden Fremde lindern können. Es ist, als hätten Schattenwesen mir einst in der Dunkelheit ein Geheimnis anvertraut und sich dabei einer Sprache bedient, die ich zu sprechen vermag, aber in der ich mich nicht mitteilen kann.

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