Monster & Macht!

Dieser Sommer hat gebrannt. Auf der Haut. Im Bauch. Unter der Haut. In den Augen. Fragmente der Grausamkeit wirbeln um mich rum wie Aschepartikel, die mir in die Augen fliegen. Tränen habe ich keine mehr. Das Gefühl der Beschmutzung aber ist geblieben.

Ich sitze am Bordstein auf einer Brücke inmitten von gut gekleideten Tourist:innen, die für Selfies posieren. Die Sonne strahlt wie ein alternder Rockstar auf Abschiedstour. Es ist heiß, aber nichts knallt mehr. Eine Straßenmusikerin mit dem Aussehen von Schneewittchen singt in ein Standmikrofon: „…you’re just too good to be true. Can’t take my eyes off of you I love you, baby …“  Der Song passt so wenig zu den Ereignissen der letzten Monate wie alles andere. Trotzdem fühlt sich diese Postkartenszenerie an wie eine Schulter, die sich mir zum Anlehnen anbietet. Das erste Mal seit Wochen nehme ich wieder einen Stift in die Hand.

Endlich.

Ich schreibe:

Ein Ortswechsel bedeutet nicht entkommen zu sein.

Es ist zu Ende aber noch nicht vorbei. Ein Drama. ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………

Ein Drama, das nach nicht enden wollenden Proben endlich Premiere hat und sofort danach für immer abgesetzt wird. Ich bin eine der Protagonistinnen. Eine Stimme wird mir nicht zugestanden. Meine Regisseurin ist zugleich auch meine Gegenspielerin. Sie hat jedes meiner Worte kurz vor der Premiere gestrichen. Ein Publkum. Kein Applaus. Nicht mal Buhrufe. Nur Schweigen. Die Monsterpremiere dauert acht Monate. Geprobt wurde über fünf Jahre.  Die Macht hat den Vorhang runtergerissen. Ich liege unter dem schweren Stoff. Begraben. Ohne Namen.

Die Macht und ihre Gefolgschaft erinnern mich an die Monster, die ich als Kind nachts in Zimmerecken habe rumstehen sehen und von denen herbeigerufene Erwachsene immer behaupteten, dass da nichts und niemand wäre. Es gibt keine Monster! Die Existenz der Ungeheuer(lichkeiten) wurde mit so einer Vehemenz abgestritten, dass ich mir angewöhnte, ihrer Verneinung mehr zu trauen als dem, was ich sehen konnte. Der Selbstzweifel zog in mein Leben und rollte den roten Teppich aus für all die mit Herablassung bepackten Ungeheuer, die fortan auch am Tag durch mein Dasein latschen sollten.

Hereinspaziert! Ich sehe euch, aber ihr seid gar nicht da. Es gibt keine Monster.

Die über Jahre sich tarnende Macht wusste die Fragilität meiner Grenzen für sich zu nutzen. Zuneigungsbekundungen. Forderungen. Zuneigungsbekundungen. Erpressungen. Zuneigungsbekundungen. Tränen. Selbsttötungsankündigungen. Zuneigungsbekundungen. Schuldzuweisungen.Sie nennt mich Schwester und lässt mich glauben, ich arbeite in und an einer Welt für alle. Fünf Jahre lang. Meinen Platz in dieser Welt bezahle ich erst mit Leistung und später mit meiner Würde. Ich begreife es zu spät. Diese Welt für alle ist ihr Eigentum.

Sie weigert sich meinen Namen in den Mund zu nehmen.

Das Echo ihrer Beleidigungen hallt durch mein Sein. Lächerlich! Verrückt! Furchtbar! Ich suche nach Gründen, frage nach Erklärungen und versuche den Bruch aufzuhalten. Wir mochten uns doch. Was ist passiert? Die Frage bleibt unbeantwortet. Treffen werden vereinbart und kurz vorher von ihr abgesagt. Schweigen bis zur nächsten Beleidigung. Es gibt keine Monster. Da ist nichts. Ich arbeite weiter. Tagsüber. Nachts. Sieben Tage die Woche. Ich erlaube mir keinen Fehler und könnte nicht mehr falsch machen. Hass lässt sich durch Leistung nicht aufhalten.

Ich sitze allein eingesperrt in einem Bus, dessen Fenster und Türen sich nicht öffnen lassen und der ferngesteuert ohne Halt im Kreis fährt. Der Schmutz der Niedertracht klebt auf den Scheiben der Busfenster. Ich erkenne Silhouetten an den Rändern einer Welt, zu der ich zu gehören glaubte. Könnt ihr mich sehen? Ich winke, rufe, weine, flehe und schreie: „Anhalten! Hilfe! Hilfe! Mir ist schwindelig. Hilfe!“ Der an den Fenstern klebende Schmutz verhindert den Blickaustausch mit all den Leuten, die ich für Vertraute halten will. Oder entziehen sie mir den Blick? Ich weiß es nicht. Es gibt keine Monster. Schuldzuweisungen.

Die Sichtbarkeit meiner Ohnmacht fühlte sich an, als würde ich barfuß in Lumpen gekleidet mit offenen Wunden auf der Haut ohne Geld umgeben von gut gekleideten Gästen an der Rezeption eines Luxushotels stehen. Alle starren mich an, aber entziehen mir ihre Blicke. In ihren Gesichtern lese ich eine Mischung aus Sensationslust, Ekel und Erleichterung. Erleichterung, dass es mich und nicht sie getroffen hat.

Die Macht hat ihren großen Auftritt. Sie inszeniert sich als Märtyrerin. Alle Scheinwerfer sind auf sie gerichtet. Sie bläst Worte auf wie Herzluftballons, die Kitsch über ihre Brutalität werfen sollen. Ihr Ego inszeniert ein Wir, das sie mir gegenüberstellt wie eine Armee, die mich auffordert, alle von mir hergestellten Schätze rauszurücken. Meine Gedanken. Meine Zeit. Meine Worte. Meine Arbeit. Mein Blut. Mein Schweiß. Mein Vertrauen. IHR EIGENTUM. Angeführt wird diese Forderung von einer zur Obersoldatin beförderten Kollegin, die ihren preußischen Gehorsam mit einem hastig übergeworfenen Engelskostüm zu verschleiern sucht. Aufgrund irgendeines ihrer vielen Privilegien beansprucht sie mehr Raum im wir als die anderen. Die gehorsame Soldatin ist über Jahre nie dabei gewesen. Sie weiß von nichts, erklärt aber alles und fragt niemanden. Ich liege am Boden, sie schaut auf mich runter und bespuckt mich mit ihrer Lieblingsphrase: „Zu einem Konflikt gehören immer zwei!“ Ihre Hände halten fest an dem Funkeln der verliehenen Macht. Sie hat keine dritte Hand, die sie mir zum Aufhelfen reichen könnte. Aber selbst wenn sie würde mir nicht aufhelfen. Aus ihrem Mund fallen Worte auf mich runter. „Vergiss nicht, dass du das jetzt mal abschließen musst. Wir sind alles gute Menschen!“ Ich höre das Marschieren ihrer sich entfernenden Schritte.

Was wäre die Macht ohne ihre Soldat:innen?

Es gibt keine Welt für alle.

Wellen der Verzweiflung überschwemmen mich. Alle Beteiligten nennen sich Unbeteiligte. Sie halten sich für das Publikum eines Dramas, das zu sehen sie nicht verlangt haben und an dem sie leugnen, mitgewirkt zu haben.

Ich bin raus. Es brennt. Es brennt auf der Haut, unter der Haut, im Bauch und in meinem Sein. Immer noch.

Ein Ortswechsel bedeutet nicht entkommen zu sein.

Es ist zu Ende, aber es wird für lange Zeit immer noch nicht ganz vorbei sein.

Ein Kommentar zu „Monster & Macht!

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