Kopfkriecherei oder von der Schwierigkeit nicht zu frieren

Sie kriecht in die Köpfe anderer Leute, um sich aus ihren Augen zu betrachten. Es ist ein Zwang, dem sie sich nicht entziehen kann. Inzwischen ist sie durch so viele Köpfe gekrochen, dass sie sich nicht mehr an den allerersten erinnern kann. Es ist auch egal. Die Auswahl der Leute, deren Perspektive auf sich selbst sie einnimmt, ist unabhängig davon, in welcher Beziehung sie zu ihr stehen. Ihre Kopfkriecherei schließt niemanden aus. Verwandte, Freund_innen, Nachbar_innen, Kolleg_innen, Vorgesetzte oder Unbekannte, die zufällig ihre Wege kreuzen. Am Ende sind sie alle auf die gleiche vertraute Weise Fremde mit dem Potenzial zu einer Feindseligkeit, vor der sie sich zu schützen sucht. Nähe ist ein Risiko mit Hochspannungsgefahr, die sich trotz der im Inneren aufblinkenden Warnungen nie ganz vermeiden lässt, weil all diese Sehnsüchte ohne Namen einen so verdammt verführbar machen

Trotz aller Vorsicht ist sie immer wieder reingefallen auf Versprechen, die ihr niemand gemacht haben will. Nach all den Pleiten kennt sie sich aus in den Köpfen der anderen. Viele sind auf die gleiche Weise eingerichtet, so als würden sie ihre Denke im selben Discounter erwerben. Überheblichkeit, Herabsetzung und Frauenhass sind so häufig zu finden wie Ikea-Möbel in den Wohnungen von Kleinfamilien mit Durchschnittseinkommen. Die Missgunst wird oft kaschiert mit Haltungen, die nichts weiter sind als in Mode gekommene Hüllen. Gelegentlich entdeckt sie in den Köpfen auch mit Schlössern verriegelte Kisten, die beschriftet sind mit Zweifeln, deren Bedeutung ihr so verwehrt bleibt wie die Wärme in den Blicken der Leute, zu denen sie gehören.

Wenn das Leben in den Anfang Kälte gekritzelt hat, dann wird es später schwer, sich das Frieren abzugewöhnen. Die Kopfkriecherei erlaubt ihr die Hoffnung, schneller zu sein, schneller als die deren zusammengesetzte Wörter Bilder von ihr schaffen, die ihr vorkommen wie Fälschungen. „Wenn alle das sagen, dann muss ja was dran sein!“; ist ein Satz, der sich historisch gesehen verbietet und mit dem sie dennoch regelmäßig konfrontiert wird.

Immer wieder wird ihr die Hässlichkeit ihrer Wut vorgeworfen. Ihre Lautstärke, die Bereitschaft, immer allen zu widersprechen, ihre Aufmüpfigkeit bei gleichzeitiger Dünnhäutigkeit beschämen sie ebenso wie die Größe ihrer Nase, die Krause in ihren Haaren und die Form ihrer Figur. Ihre Furcht, tatsächlich die Person zu sein, als die sie beschrieben wird und der Schmerz über die in ihr Dasein beißende Kälte zerreißt sie fast. Schweigen oder leben?

Sie kämpft weiter und manchmal wärmt sie sich am Feuer ihrer Wut.

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